Inspirierender Abend mit Annette Maye und Paul Hubweber sowie Ta Lam 11

Entfesselte Musiker

Der Klangfülle von Ta Lam 11 war der Saal im Bach-Haus kaum gewachsen. Neun Berliner Holzbläser und der Schweizer Akkordeonist Hans Hassler bilden um den Klarinettisten und Klangarchitekten Gebhard Ullmann das Ensemble. Fotos: Hahn

Bad Hersfeld. Ein paar mehr Zuhörer hätte das Doppelkonzert am Tag der Deutschen Einheit im Bachhaus verdient gehabt, das vom Hersfelder Buchcafé im Rahmen des Multiphonics-Festivals veranstaltet worden war. Aber diejenigen, die neugierig auf ungewöhnliche Klänge von akustischen Instrumenten waren und mutig genug, bekannte und neue Melodien sowie Themen in bis dahin ungehörten Zusammenhängen zu hören, wurden nicht enttäuscht und erklatschten sich begeistert Zugaben.

Ungewöhnliche Kombination

Das Duo Annette Maye (Klarinetten) und Paul Hubweber (Posaune) kommt in dieser ungewöhnlichen Klangkombination überraschenderweise ohne Rhythmusinstrumente aus. Diese ersetzen sie, indem sie die gesamte Bandbreite möglicher Spieltechniken ihrer Instrumente ausloten. Das reicht von windähnlichen Geräuschen über die Instrumentenfarben von weich bis schrill, bis hin zu perkussiven Elementen. Die Musiker erkundeten mit Geräuschen und musikalischen Phrasen zunächst den Raum des Bachhauses, der mit seinem starken Nachhall die differenzierte Klanggebung wundervoll unterstützte.

Mal spielt Hubweber den Walking Bass im tiefen Blech, mal Maye den Groove auf der Bassklarinette. Stets aber musizieren sie miteinander, werfen sich Töne und Phrasen zu, greifen sie auf, modulieren und verändern sie und entwickeln so ein äußerst lebhaftes und abwechslungsreiches Zusammenspiel.

Titel als roter Faden

Die Kombination aus Bassklarinette und Posaune erweist sich als besonders reizvoll, weil sie sich in der Tonlage ähneln, in der Klangfarbe aber unterscheiden und gleichzeitig ergänzen. Dabei nutzt Maye den unglaublichen Ambitus ihres Instruments von sonorer Tiefe bis zu grellem Quietschen, während Hubweber in bester Mangelsdorff-Manier mehrstimmig und mit ausgeklügelten Klangmodulationen überrascht.

Der rote Faden der weitgehend improvisierten Stücke ergibt sich aus dem Titel „Unchained Folksongs“ (entfesselte Volkslieder) und so bilden „Ein Männlein steht im Walde“, „Ein Vogel wollte Hochzeit machen“ oder „Ein Jäger aus Kurpfalz“ Ankerpunkte, an denen sich der Zuhörer orientieren kann.

Klangfülle kaum gewachsen

Das zweite Konzert des Abends liefert eine Klangfülle, der der Bachsaal kaum gewachsen ist. Neun Berliner Holzbläser und der Schweizer Akkordeonist Hans Hassler bilden um den Klarinettisten und Klangarchitekten Gebhard Ullmann das Ensemble Ta Lam 11, das, wie Ullmann anfangs betonte, in dieser Zusammensetzung nach 24 Jahren wohl zum letzten Mal aufgetreten ist.

In der ungewöhnlichen Besetzung kommen alle Varian-ten von Klarinetten und Saxophonen vor und erzeugen eine ungeheure Farbenvielfalt und Dynamik, die vom zartesten Pianissimo bis zum brachialen Fortissimo reicht. Das Akkordeon intoniert ein Thema, das nach und nach von den anderen Instrumenten aufgegriffen wird.

So entwickelt sich ein polyphones Klanggeflecht, das auf dem Höhepunkt der Komplexität in Soloimprovisationen mündet. Hier brillierten besonders Jürgen Kupke (Klarinette), Volker Schlott (Altsaxophon), Vladimir Karparov (Tenorsaxophon) und Gebhard Ullmann (Bassklarinette). Ein inspirierender Abend.

Von Helgo Hahn

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