Wie Redakteur Rainer Henkel die letzten Stunden der DDR erlebte

Am Ende die Einheit

Blick auf Bebras Partnerstadt: Friedrichroda im Jahr 1998. Die Stadt im Thüringischen setzt auf Tourismus. Foto: dpa

Friedrichroda. Der Start ist in Friedrichroda“, sagt meine Frau nach einem Blick ins Internet. Es ist Mai 2006, und wir wollen beim traditionellen Rennsteiglauf in Thüringen an der 35-Kilometer-Wanderung teilnehmen. „Friedrichroda“, antworte ich, „das kenn" ich. Da war ich mal. Ich bin in die DDR reingefahren – und als ich zurückkam, gab es den Staat nicht mehr.“     

Zeit für Erinnerungen   

 Es ist stockdunkel draußen, der Reisebus kurvt über die Bundesstraße 400. Es ist die Nacht vor dem ersten Tag der Deutschen Einheit, dem 3. Oktober 1990. Im Bus sitzen die Stadtverordneten Bebras. Sie sind unterwegs nach Friedrichroda, in ihre Partnerstadt. Dort soll gefeiert werden: das Ende der DDR, der Beginn des wiedervereinigten Deutschland.

Seit einem Vierteljahr arbeite ich in der Rotenburger Redaktion unserer Zeitung. Die Grenzöffnung habe ich noch am Fernseher erlebt, in meiner alten Heimat, im Ruhrgebiet. Vor dem Mauerfall war ich genau einmal in der DDR, in Ost-Berlin, mit 17. Und nachher zwei-, dreimal in Eisenach.

Ein ganzer Bus wird still. Ungefähr bei Herleshausen. Schemenhaft tauchen die Umrisse der längst verlassenen Gebäude an der Grenze auf. „Was haben wir hier gestanden“, flüstern die Bebraner. „Was haben sie uns gefilzt, meine Güte.“ Heute muss niemand an der Grenze mehr stehen, und niemand filzt mehr. Die Fahrt ist frei. Aber die gedrückte Stimmung bleibt.

Die Straßen werden holpriger. Im Stockfinsteren kommen wir an. Friedrichroda, Rathaus.

Sie haben groß aufgefahren zum Einheitscocktail, wie sie es nennen, die Friedrichrodaer. Es gibt Sekt, eigens etikettiert mit „Deutsche Einheit, 3. Oktober 1990“. Der gemischte Chor Friedrichroda singt: „Guten Abend, liebe Freunde.“ Bebras Bürgermeister Wolfgang Dippel sagt: „Wir müssen jetzt zusammenstehen und uns gegenseitig helfen.“

Sie haben Nägel mit Köpfen gemacht, die Friedrichrodaer und die Bebraner. Die Städtepartnerschaft, die das SED-Regime 1987 abblockte, beschlossen sie schon am 12. Januar 1990. Da war die Grenze gerade zwei Monate offen.

Ein deftiges Büfett gibt es, Spanferkel, dazu läuft der Fernseher mit den Bildern aus Berlin. Um Mitternacht wird angestoßen mit dem Einheitssekt.

Bebras Stadtverordnetenvorsteher Kurt Borschel sagt: „Wir werden Tipps geben in organisatorischen und parlamentarischen Fragen. Das ist für unsere Kollegen Neuland.“ Überschäumende Begeisterung klingt anders. Nachts um vier rollt der Bus wieder nach Bebra ein. Ein Tag der Geschichte.

Auf dem Rennsteig

Der Rennsteiglauf startet im Wohngebiet in Friedrichroda. Alles ist perfekt organisiert, fröhlich. Musikzüge und Bands spielen unterwegs, es gibt Suppe und Obst und Tee, und an den Straßen haben die Menschen für die Wanderer die Grills angeworfen und Rostbratwurst draufgelegt. Die Wanderer kommen aus ganz Deutschland.

Als wir zurückfahren, sage ich irgendwann auf der B 7: „Hier müsste sie eigentlich irgendwo gewesen sein, die Grenze.“

Von Rainer Henkel

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