Günter Paul, Leiter der Vitos Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, im Interview

Eltern sollten klar Position beziehen

Kassel. Zum Thema Komatrinken bei Jugendlichen befragten wir Dr. med Günter Paul, den Leiter der Vitos Klinik Bad Wilhelmshöhe für Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Was sind die Gründe dafür, dass Jugendliche so häufig trinken, bis der Arzt kommt?

Günter Paul: Der Alkoholkonsum von Jugendlichen ist insgesamt so hoch, dass man sich keinesfalls beruhigt zurücklehnen darf. Die Gesundheitsgefährdung ist bei jungen Menschen besonders groß. Seit mehreren Jahren beobachten wir verstärkt das Phänomen Komatrinken, quer durch alle sozialen Schichten. Die Jugendlichen steigen immer früher ein. Sie trinken Hochprozentiges nicht wie Erwachsene häufig auch zuhause, sondern in der Gruppe, in der Disko, auf Partys, bei Treffen mit Gleichaltrigen und oft sogar auf öffentlichen Plätzen. Es ist ein Gruppenphänomen, fast möchte man sagen, eine Mode. Die Gefährdung ist deshalb nicht geringer.

Wann muss man von einer Suchtgefahr sprechen?

Paul: Wenn 13 bis 14-Jährige über mehrere Wochen regelmäßig, etwa ein Mal die Woche, Alkohol trinken, kann man von einer Suchtgefahr ausgehen.

Auf welche Alarmzeichen müssen Eltern achten?

Paul: Man sollte einfach verstärkt hingucken, was die Kinder ab einem Alter von 13 Jahren in ihrer Freizeit machen. Man sollte im Auge behalten, ob die Jugendlichen Probleme haben.

Insgesamt stellen wir fest, dass junge Menschen labiler und auffälliger geworden sind. Ein Problem ist aber auch, dass Alkohol gesellschaftlich absolut akzeptiert ist. Die Vorbildfunktion von Eltern ist hier ebenfalls wichtig. Zigarettenrauchen ist übrigens oft die Einstiegsdroge – sowohl für Alkohol als auch für illegale Drogen.

Was können Eltern tun?

Paul: Fällt den Eltern etwas auf, sollten sie die Probleme sofort ansprechen und dazu klar Position beziehen. Spätestens wenn den Eltern ein zweites Mal exzessives Trinken bei ihrem Kind auffällt, sollte dringend professionelle Hilfe von der Suchtberatung eingeschaltet werden.

Auch eine unserer Ambulanzen kann kontaktiert werden. Wir haben da in Nordhessen ein gutes Hilfsnetz. (chr)

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