Wider das Tyrannenjoch: Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ ist auch nach 200 Jahren noch hochaktuell

Ein einzig Volk von Brüdern

Beklemmend: Tell (Markus Gertken) wird vom Tyrannen Geßler gezwungen, seinem Sohn einen Apfel vom Kopf zu schießen.

Bad Hersfeld. Hinter Holk Freytag und dem Ensemble des „Wilhelm Tell“ liegt nach eigener Aussage eine „ganz furchtbare Probenzeit“. Platzregen und Kälte ließen jede Probe zur Gratwanderung werden. Und so wurde an dem Premierenstück, mit dem morgen die 60. Bad Hersfelder Festspiele eröffnet werden, bis zuletzt mächtig gefeilt. „Es ist nicht Zustand, sondern Entwicklung“, sagte Freytag dazu etwas mysteriös.

„Wilhelm Tell“ gehört zu den Klassikern der deutschen Literatur und wurde von Friedrich Schiller als letztes seiner Dramen 1804 fertiggestellt. Der „Tell“ wurde am 17. März 1804 am Weimarer Hoftheater uraufgeführt. Das Stück handelt vom Schweizer Nationalmythos um den Rütlischwur.

Tell mit Springerstiefeln

Wilhelm Tell – mit Lederjacke und Springerstiefeln modern und lässig verkörpert von „Odysseus“ Markus Gertken – ist ein frommer Bergwildjäger, der seine Beute höchst treffsicher mit der Armbrust erlegt. Er ist natürlich, heimatverbunden und freiheitsliebend und hat in seiner schlichten Weltsicht, immer einen flotten Spruch auf den Lippen – allesamt gehören längst zum deutschen Zitatenschatz. Doch Tell, der Simpel, vermag sehr klar zu unterscheiden zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht.

Deshalb tritt er energisch und furchtlos der brutalen Willkür des sadistischen Reichsvogts Hermann Geßler entgegen, der in Schwyz und Uri das Volk unter sein Tyrannenjoch zwingen will.

Klassiker im Klassenzimmer

Geßler, mit güldenen Stiefelchen gewandet und gespielt von Stefan Reck, ist einer jener eitlen doch gefühllosen und machtgeilen Despoten, wie sie in Afrika, auf dem Balkan und in allzu vielen anderen Ländern dieser Erde anzutreffen sind. Beklemmend real ist daher auch die berühmte Apfelschuss-Szene in der Geßler den Tell zwingt, auf das Haupt seines eigenen Sohnes zu schießen.

Gerade wegen des ewig-aktutellen Aufbegehrens eines geschundenen Volkes gegen das Tyrannenjoch ist Schillers Schauspiel vor allem seit dem Ende des „Dritten Reichs“ eines der wichtigsten Theaterstücke im Deutschunterricht der Schulen. Doch auch die Nazis schätzen das Stück, das von Goebbels als „Führerdrama“ gepriesen, wenngleich wohl missinterpretiert wurde.

Kaum ein deutscher Schüler, der nicht noch mit geschlossenen Augen den Rütli-Schwur der Eidgenossen rezitieren könnte. „Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern. (...) Wir wollen frei sein, wie die Väter waren, eher den Tod, als in der Knechtschaft leben“.

Holk Freytag adaptiert seinen Tell in eine zeitlose Gegenwart mit Militärjeeps und VW-Campingbussen ohne dabei die großartig-opulente Sprache und den dramatischen Aufbau des Klassikers zu verlieren.

Nicht sehen ist Unglück

„Sterben ist nichts – doch leben und nicht sehen, das ist ein Unglück.“ Dieser geseufzte Ausruf des Unterwaldener Widerstandskämpfers Arnold von Melchtal darf in übertragener Form getrost auch für Holk Freytags „Wilhelm Tell-Inszenierung“ gelten. †  Rollen

Von Kai A. Struthoff

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