Job, der schlaucht: Montagsinterview mit Kreisbrandinspektor Jürgen Weingarten

Im Einsatz für die Katz’

Drei goldene Streifen hat im Landkreis nur er am Arm: Kreisbrandinspektor Jürgen Weingarten (59) in der Zentralen Leitstelle unter dem Dach der Kreisverwaltung. Foto: Hornickel

Hersfeld-Rotenburg. Sicher hätte Kreisbrandinspektor Jürgen Weingarten auf die Autobahn fahren können, von wo gerade ein brennender Sattelzug gemeldet wurde. Stattdessen nahm er sich Zeit und beantwortete Fragen zur Lage der Feuerwehr im Landkreis. Der Brand entpuppte sich derweil als heißgelaufene Achse, der die ehrenamtlichen Kirchheimer Feuerwehrleute selbst Herr wurden. Für das Gespräch mit Redakteur Kurt Hornickel stellte der Mann mit den drei goldenen Streifen am linken Arm den Meldeempfänger aus.

Herr Weingarten, Sie sind nicht nur der ranghöchste Feuerwehrmann im Landkreis, sondern auch in ihrer Freizeit Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in Ronshausen. Wann haben Sie zum letzten Mal eine Katze vom Baum gerettet?

Jürgen Weingarten: Das ist 16 oder 17 Jahre her, als ich selbst noch Feuerwehrmann im Lahn-Dill-Kreis war.

Was haben Sie dabei empfunden?

Weingarten: Ich bin ganz einfach gerne Feuerwehrmann und fand es gut, auch mal ’ne Katze zu retten. Ich habe in meinem langen Feuerwehrleben viele Personen retten müssen, und dazu gehört auch, dass man mal ein Tier vom Baum holt. Das macht’s halt aus. Und wenn man das nicht kann, ist man kein Feuerwehrmann.

Fühlt man sich nicht veralbert, wenn man dafür nachts aufstehen muss?

Weingarten: Ich bin dafür auch nachts aufgestanden, na klar. Es ist uns Feuerwehrleuten zu eigen, dass wir Leuten helfen wollen. Wenn die Katze auf dem Dach miaut oder ein Hund irgendwo drinnen hängt, dann weiß ich, dass ich nicht nur dem Tier helfe, sondern auch dessen Frauchen oder Herrchen.

Solche Dienste am Nächsten finden aber nicht nur Applaus. In Bad Hersfeld kritisierte Bürgermeister Fehling kürzlich, dass die Feuerwehr zum Türöffnen angefordert wurde. Werden Ihre Kameraden da in ihrem Einsatz für den Nächsten missbraucht?

Weingarten: In einem Teil hat der Bürgermeister recht. In keinem Fall ist es gerechtfertigt, wenn ein Schussel morgens die Tür zuschlägt und der Schlüssel steckt noch von innen im Schloss. Wenn aber der Rettungsdienst an der Haustür steht und nicht weiterkommt, dann ist das eine ureigene Aufgabe der Feuerwehr. Die Feuerwehr ist eine öffentlich-rechtliche Institution. Der Rettungsdienst dagegen kann nicht einfach gewaltsam eine Tür öffnen. Not-Türöffnungen sind auf jeden Fall Sache der Feuerwehr. Das hat der Bürgermeister ein wenig durcheinander gewirbelt. Er ist ja nicht unbedingt ein Feuerwehrexperte. Nur wir haben die Werkzeuge und auch die Spezialisten.

In Bad Hersfeld musste ein Feuerwehrmann sogar die Tür zu einer Wohnung öffnen, in der ein Mord passiert war. Und es war nicht auszuschließen, dass der Mörder noch drinnen war.

Weingarten: Das stimmt. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei kann zwar selbst auch eine Tür öffnen, allerdings mit sehr viel mehr Getöse. Wir können das geräuschlos und haben das passende Werkzeug.

... aber keine schusssichere Weste ...

Weingarten. Aber keine schusssichere Weste. Das stimmt. Ich halte es ja auch für problematisch, dass die Feuerwehr in einer unklaren Situation angefordert wird.

Ist das ein Indiz dafür, dass die Feuerwehr immer mehr zum Mädchen für alles degeneriert, wo es klemmt?

Weingarten: Ich möchte mal sagen, dass wir ständig veredelt werden. Wir haben 3500 erwachsene Feuerwehrleute im Kreis und für alle Fälle die unterschiedlichsten Fachleute. Es spricht sich herum: Wenn nichts mehr hilft, findet die Feuerwehr noch einen Weg.

Wir sprechen hier aber doch von ehrenamtlichen Helfern. Ist bei deren Belastbarkeit nicht irgendwann die Spitze der Fahnenstange erreicht ?

Weingarten: Das noch nicht, aber die Feuerwehrfrauen und -männer haben es nicht einfach, Beruf und Ehrenamt unter einen Hut zu bringen. Insofern müssen wir uns auf Kernaufgaben besinnen. Da ist die Politik gefragt. Es kann nicht sein, dass die Feuerwehr routinemäßig in Marsch gesetzt wird, um Ölspuren zu beseitigen. Die öffentliche Hand kann sich nicht überall auf unsere Kosten zurückziehen.

Ist das ein Verlust an Wertschätzung?

Weingarten: Wenn man der Zeitschrift Reader’s Digest glauben kann, genießen wir Feuerwehrleute in der Bundesrepublik noch das höchste Ansehen. Ob die Wertschätzung auch in unserer Bevölkerung 98 Prozent beträgt, möchte ich bezweifeln.

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