Festspielkonzerte: Sabine Krams verknüpft Cellomusik und moderne Dichtung in ihrem Auftritt

Eine Werkstatt der Innerlichkeit

Freut sich über den Beifall im Bach-Haus: Sabine Krams. Foto: Trott/nh

Bad Hersfeld. Die Cello spielende Frau gilt längst nicht nur etwas in der Musik, sie durchgeistert auch die Literatur (etwa Michael Krügers Roman „Die Cellospielerin“ vom Jahr 2000), den Kino- und Fernsehfilm, nicht zu vergessen Malermotive und Männerfantasien. Wenn Sabine Krams, die zuerst Musikerin ist, sich zu einer Pose hinreißen lässt, dann zu der des Improvisationstheaters. Sie springt vom Sitzplatz auf, hebt vielleicht den Zeigefinger – Achtung! – und zerlegt rufend oder flüsternd bedeutungsschwere Worte: „Orch-idee“, „mul-ti-pli-zie-ren-de Brüs-ten-Rüs-tung“. So geschehen bei den 50. Festspielkonzerten am Samstagnachmittag im J.S.-Bach-Haus während eines musikalisch-poetischen Grenzgangs.

„Cellosia“ – schon die Programmüberschrift ein Wortspiel, das die „gelosia“ anklingen lässt, den italienischen Ausdruck für „Eifersucht“. Nehmen wir einfach an, die Musik sei hier auf die Poesie eifersüchtig und umgekehrt. Die Frankfurter Cellistin durchflocht nämlich Solostücke aus drei Jahrhunderten mit der Wortmusik des 1946 geborenen peruanischen, in Deutschland lebenden Dichters Joao Andrade Martinez – am Sonntag folgte ein zweites Programm, betitelt „Joyas de Cello“ („joyas“ ist spanisch für „Schmuckstücke“).

Bilderflut im Kopf

Gern nimmt die Künstlerin als dritte Darbietungsebene die Bildprojektion hinzu. Doch man vermisste sie hier gar nicht, denn semantisch dermaßen stark aufgeladen, erzeugen Martinez’ üppige Sprach- und Sprechschlangen eine wahre Bilderflut in unseren Köpfen. Nicht anders die Sätze eines Bach oder von Jean-Louis Duport (18. Jahrhundert), von Alfredo Carlo Piatti (19. Jh.), von Jacques Ibert und Gaspar Cassadó (20. Jh.; Letzterer selbst ein berühmter Cellist).

Sabine Krams versteht sich dabei als Performerin, als eine Darbieterin, die nicht bloß ihre Talente zusammendrängt oder beliebig sich interdisziplinär tummelt, sondern Randzonen, Weichbilder aufspürt, in denen Klangkunst und Wortkunst verfließen können. Hatte man nicht bei den poetischen Martinez-Wortreihen, etwa von „einäugigen Eulen“ zu „zirpenden Grillen“ den Eindruck, als stelle sich in solcher Werkstatt der Innerlichkeit eine Gedankenreihe her, ja eine Modulation von phonetischen Ereignissen zu Bedeutungsmustern und Gefühlslagen?

Niemals kommt das als reine Selbstdarstellung oder im Verkündigungspathos daher, wie man es bei den amerikanischen Performancekünstlerinnen Laurie Anderson und Meredith Monk bisweilen erlebte. Sondern leise, mit der Geste des Bedachts, nach innen gekehrt, im Ausgreifen schon sich zurücknehmend. So bewahrte auch Bachs bekannteste der sechs Solosuiten, die dritte in C-Dur BWV 1009, trotz der intervallischen Darbietung ruhigen Fluss und saubere Fassung – wohl gerade deshalb, weil der Vortrag der Cellistin weder die Tanzcharaktere noch die historische Originalitätssucht strapazierte. Ähnlich Debussys „Syrinx“, die original für Flöte komponiert ist und sich hier als schlichte Klangstudie gab. Duports Capriccio d-Moll als Dankeschön für den reichen Beifall.

Von Siegfried Weyh

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