Vor Ort: Fliegende Mönche und wilde Tiger – ein Besuch in der englischen Heimat von Lullus

Eine Stadt voller Geschichte(n)

Die Hauptstraße von Malmesbury mit dem 500 Jahre alten Market-Cross, das bei schlechtem Wetter den Markthändlern Schutz bieten soll. Im Hintergrund der Whole Hog Pub und hinter den Bäumen die Malmesbury Abbey. Alle Fotos: Struthoff

Malmesbury. Murmelnd mäandert der Avon durch die grüne Auenlandschaft vor den uralten Stadtmauern von Malmesbury. Der Fluss, an dessen Ufern schon William Shakespeare seine Inspiration suchte, umfließt die kleine Stadt im Südwesten Englands von drei Seiten. In alten Zeiten bot der Avon Schutz vor Angreifern, doch bis heute setzt sein regelmäßig wiederkehrendes Hochwasser die kleinen Cottages im tiefer gelegenen Teil der Stadt unter Wasser.

Das Zentrum der Stadt liegt aber auf einem Hügel. Steile Gassen führen vom Fluss hinauf zur alten Abtei, die bereits im Jahr 675 von dem irischen Mönch Maildubh gegründet wurde. Sie thront weithin sichtbar über Malmesbury. Die Abtei ist noch gut erhalten, selbst die Normannen, Feuersbrünste und die zwangsweise Dachabdeckung unter Heinrich IIIV. konnten ihr nichts anhaben. Heute ist das Kirchenschiff auch wieder überdacht.

Älteste Gemeinde Englands

Malmesbury ist die älteste Gemeinde Englands, und beim Streifzug durch die engen Gassen scheint tatsächlich die Zeit stehen geblieben zu sein. Im alten Gerichtsgebäude treten bis heute die Malmesbury Commoners zusammen, um Recht zu sprechen.

Die Commoners unterstützten im Jahr 937 König Athelstan im Kampf gegen die Schotten. Als Dank erhielten sie Ländereien und ihre Freiheit. Bis zum heutigen Tag dürfen nur Menschen, die in Malmesbury geboren wurden, Mitglied sein. Früher entschieden die Commoner noch über Leben und Tod, heute geht es eher um Grundstücksangelegenheiten. Doch wie früher werden immer noch ihre Beschlüsse handschriftlich in einen Lederband eingetragen. Diese Aufgabe übernimmt die derzeitige Bürgermeisterin Susan Poole, eine pensionierte Lehrerin, mit gestochen feiner Handschrift.

In den schmalen Straßen der Stadt schmiegen sich die kleinen Sandstein--Reihenhäuser aneinander. Die Türen und Fenster erscheinen winzig, wie auch der zur Verfügung stehende Wohnraum. Dennoch sind diese Cottages sehr beliebt und kosten oft mehr als 250 000 Pfund (etwa 300 000 Euro), erzählt Alt-Bürgermeister Ray Sanderson beim Rundgang durch seine Stadt. Viele Bewohner haben die kleinen Häuschen wahre Puppenstuben verwandelt, wie ein verstohlener Blick durch die Fenster zeigt.

Malmesbury boomt. Die Stadt verzeichnet – wohl nicht zuletzt wegen der schönen Lage – viele Zuzüge, teilweise pendeln die Einwohner sogar täglich bis ins 130 Kilometer entfernte London. Haupteinnahmequelle der Stadt ist heute der Tourismus, dank der schönen Lage in der Bilderbuch-Landschaft der Cotswolds. Immerhin steht in Malmesbury auch das Old Bell Hotel nahe der Abtei, in dem seit 1220 müde Reisende ein Obdach finden. Es ist das älteste Hotel Englands.

Steinkreise und Staubsauger

Die Region ist reich an touristischen Attraktionen: Die Steinkreise von Stonehenge und Avebury, die weltberühmte Kathedrale von Salisbury, in der ein Exemplar der Magna Carta aufbewahrt wird, oder auch der Landsitz von Prince Charles im benachbarten Highgrove locken viele Besucher an. Doch auch wirtschaftlich geht es Malmesbury offenbar gut. So hat der britische Staubsaugerhersteller Dyson hat seinen Hauptsitz in Malmesbury und beschäftigt dort allen 1600 Mitarbeiter.

Abends im Pub

Besonders urig sind die Pubs von Malmesbury von denen es überraschend viele gibt, gemessen an den nur etwa 7000 Einwohnern der Stadt. Die Lieblingskneipe von Alt-Bürgermeister Ray Sanderson ist das „Whole Hog“, benannt nach zwei ausgebüxten Schweinen, die ihre Häscher tagelang in Atem hielten. In dem Pub trifft sich abends ein bunter, lärmender Haufen: Junge Leute in Lederkleidung mit punkigen Frisuren ebenso wie Geschäftsleute oder ältere Ehepaare. Das Hausbier heißt, passend zum nahen Kloster, „Flying Monk“ (Fliegender Mönch“), und nach einigen Pints in froher Runde verliert der Zecher dann tatsächlich die Bodenhaftung.

Das kann einer jungen Kellnerin freilich nicht mehr passieren. Sie liegt seit über 200 Jahren unter der Erde auf dem Friedhof der Abtei. Die verwitterte Grabplatte erzählt die kuriose Geschichte von ihrem Tod. Die junge Frau wurde nämlich Opfer eines Tigers, der von einem Wanderzirkus in die Stadt gebracht wurde und dessen Käfig schlecht gesichert war.

Bürgermeisterin Sue Poole erzählt die Geschichte mit einer Prise schwarzem, englischen Humor: „Welche englische Stadt kann schon von sich behaupten, dass dort jemand von einem Tiger getötet wurde“, sagt sie schmunzelnd.

Malmesbury steckt wirklich voller Geschichte(n).

Von Kai A. Struthoff

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