Egon Rive war während des Kriegs in Merkers, als der Goldschatz entdeckt wurde - Zu Fuß von Hersfeld nach Düsseldorf

Eine Reise in die Vergangenheit

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Auf Spurensuche: Egon Rive und Ehefrau Sylvia Schüssler-Rive waren in Merkers und Bad Hersfeld. Rive war als Kind von 1942 bis 1945 in Merkers. Die Villa, in der er ausharrte, als fast nebenan der Goldschatz aus dem Bergwerk geholt wurde, hat er mit dem Handy fotografiert.

Merkers/Bad Hersfeld. Seinen 79. Geburtstag hat Egon Rive mit einer Reise in die Vergangenheit gefeiert, die ihn nach Merkers und Bad Hersfeld führte. Denn dort lebte der Düsseldorfer von 1942 bis 1945 während des Zweiten Weltkriegs mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder.

Etwa im Juli 1945, also vor fast genau 70 Jahren, trat die Familie von Hersfeld aus zu Fuß den Rückweg in die Heimat an. Was Rive heute besonders spannend findet: Ganz in seiner Nähe holten damals offenbar die Amerikaner den Nazi-Goldschatz aus der Grube Kaiseroda in Merkers. „Erfahren habe ich das aber erst viele Jahre später aus der Zeitung“, erinnert sich der 79-Jährige.

Vater war Soldat Rives Vater, der eigentlich Textilhändler war, war Soldat in Düsseldorf. Rive, sein jüngerer Bruder und seine Mutter wurden Ende 1941/Anfang 1942 nach Merkers „verschickt“, wo sie einer Familie zugeteilt waren, in deren Haus an der Goethestraße sie schließlich drei Jahre bleiben sollten. Rive besuchte die Schule in Merkers, wo es immer wieder Stockschläge gegeben habe, „weil ich nicht Heil Hitler gesagt habe“.

Als im Frühjahr 1945 die Amerikaner kamen, seien er und seine Familie plötzlich gemeinsam mit vielen anderen in eine von mehreren Direktoren-Villen an der Brunnenstraße „eingepfercht“ worden. Die anderen Häuser waren von den US-Soldaten besetzt.

„Wir haben auf Matratzen geschlafen und durften das Gebäude etwa eine Woche lang nicht verlassen“, berichtet Rive. „Warum wussten wir damals nicht. Auf der Straße rollte ein Lkw nach dem anderen entlang.“ Wahrscheinlich seien damit die Wertgegenstände aus dem Schacht in Merkers transportiert worden, vermutet Rive heute. Irgendwann hätten sie wieder zurück in die alte Wohnung gedurft, wo Rive einen Säbel und Pistolen gefunden habe. „Die habe ich zunächst eingesteckt, dann aber dem Bürgermeister gegeben“, erzählt der 79-Jährige lachend. Zurück nach Düsseldorf ging es im Sommer 1945 über Hersfeld, nachdem der Vater im Juni mit dem Fahrrad in Merkers aufgetaucht sei. „Dann kamen plötzlich die Russen und wir mussten raus“, sagt Egon Rive, der damals vorgeschickt wurde. „Es fuhr ein Bus, bei dem Menschen auf dem Dach und der Kühlerhaube saßen, ich wurde durch das Fenster reingeschoben und in Hersfeld abgesetzt.“

Seltener Familienausflug: Egon Rive (links) mit seinen Eltern und seinem Bruder. Das Foto entstand 1944 am Waldrand in Merkers. Der Vater war aus Düsseldorf zu Besuch gekommen.

Im Lullusstädtchen kam der Achtjährige bei einer Kaufmanns-Familie namens Schönewolf unter. Der Kontakt sei über seinen Vater zustande gekommen, der dort einige Stoffe gelagert hatte, erklärt Rive. Als schließlich auch der Rest der Familie eintraf, machte man sich gemeinsam auf den Weg zurück in die Heimat, die allerdings zum Großteil durch den Krieg zerstört war. Zu Fuß mit einem Leiterwagen, zwischendurch auch mal mit einer Kutsche, waren die Rives etwa zwei Wochen lang unterwegs. „An meinem Geburtstag Ende Juli waren wir wieder in Düsseldorf, sag Rive. Die verbliebenen Stoffe des Vaters konnten unterwegs zu Geld gemacht werden.

Als sich Rive nun erneut in Merkers und Bad Hersfeld umsah, kamen viele alte Erinnerungen wieder hoch, wenngleich sich einiges verändert hat. Die Straße in Merkers habe sich doch sehr gewandelt. Was früher eine „Sandpiste“ war, ist heute natürlich asphaltiert. Schon 1989, kurz nach der Grenzöffnung, war Rive gemeinsam mit seiner Frau das erste Mal nach Merkers gereist, und traf dort auch tatsächlich eine Frau, die während des Kriegs in seiner Nachbarschaft gelebt hatte.

Auch die Wohnung, in der mit seiner Mutter und dem Bruder lebte, konnte er sich ansehen. Die neuen Mieter waren so nett, ihn hereinzulassen. Die jetzige Reise war dem 79-Jährigen wichtig. „Ich wollte mir das gerne alles noch einmal ansehen, und jetzt, genau 70 Jahre später, passte es einfach“, so Rive. Als Mittelpunkt für ihre Ausflüge hatten die Düsseldorfer Friedewald gewählt – und stellten fest: „Es gibt so viele schöne Ecken hier. Wir werden ab jetzt öfter Urlaub in Deutschland machen." (nm)

Hintergrund: Im Kalischacht Kaiseroda in Merkers (Südthüringen) lagerte ein sogenannter Nazi-Schatz. Große Mengen an Gold und Platin, Geld und Kunstgegenständen hatte Adolf Hitler dorthin schaffen lassen. Noch vor dem Kriegsende fiel der Schatz im April 1945 den Amerikanern in die Hände. Merkers rückte weltweit in den Blickpunkt der Presse. Auch der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa und spätere US-Präsident General Dwight D. Eisenhower besuchte Merkers, um den Fund zu begutachten. Die Angaben zum Gesamtwert schwanken, auch über den Verbleib aller Schätze ranken sich Gerüchte. Filmisch thematisiert wurde der Nazi-Schatz aus Merkers im vergangenen Jahr in „Monuments Men“ von und mit George Clooney.

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