Händels selten aufgeführtes, aber meisterliches Oratorium „Susanna“ in der Stadtkirche

Eine pikante Geschichte

Stehenden Applaus gab es für die Aufführung von Händels Oratorium „Susanna“ in der Stadtkirche. Foto: Janßen

BAD HERSFELD. Er war ein begnadeter Schnellschreiber. Nicht mal zwei Monate benötigte Georg Friedrich Händel, um im Sommer 1748 „Susanna“ zu vollenden. Heute wird das Oratorium selten aufgeführt, obwohl die Händel-Kenner es zu den Meisterwerken des Komponisten zählen. Umso gespannter konnten 300 Zuhörer am Sonntag in der evangelischen Stadtkirche sein. Bezirkskantor Sebastian Bethge leitete dort eine souveräne Wiedergabe dieses vernachlässigten wie attraktiven Werks.

Zu erleben war eine biblische Geschichte, die nicht einer gewissen Pikanterie entbehrte: Susanna, schön wie keusch, wird beim Baden von zwei älteren Herren überrascht, die schon lange ein Auge auf sie geworfen hatten. Sie weist die beiden zurück – die bezichtigen sie darauf des Ehebruchs. Rettung bringt der junge Prophet Daniel, der mit Schläue die Übeltäter überführt.

Wunderbar ist nun, wie Händel die Personen und Situationen zeichnet, die reine Liebe zwischen Susanna und ihrem Ehemann Joacim ebenso wie die beiden Lüstlinge. Der eine kommt eher unbeholfen daher, der andere polternd aggressiv. Ein Geniestreich ist das Terzett im zweiten Akt. Susanna und die Älteren singen gemeinsam, und doch hat jeder einen scharf ausgeprägten Charakter. Händel kommt da bereits der Ensemblekunst Mozarts nahe.

Sebastian Bethge hatte Solisten gewonnen, die diesen treffsicher gezeichneten Charakteren gut gerecht wurden und zudem die Opernnähe des Oratoriums mit dezentem Spiel andeuteten. Marie-Pierre Roy stellte mit wohlklingendem Sopran Susannas tugendhafte Anmut glaubhaft dar. Noch mehr nahmen die geschmeidigen Gesangslinien des Altus Thomas Riede (Joacim) ein.

Die Nase vorn

Bei den beiden Älteren – Tenor Aljoscha Lennert und Bariton Sebastian Kitzinger – hatte der virile Bariton deutlich die Nase vorn. Froya Gildberg gab mit strahlendem Sopran und raffinierter Phrasierung dem schlauen Daniel einen selbstbewussten, ja kecken Auftritt.

Überzeugend sang die Hersfelder Kantorei, wobei Dirigent Bethge gerade in den Chorsätzen besonderes Engagement erkennen ließ. Ob würdevoller religiöser Ton, ob kunstvolle Fuge oder der Ausruf „Susanna is guilty!“ – die 60 Chorsänger waren mit Können und Ambition dabei. Außerdem übernahmen die Choristen Thomas Ries und Margot Gazesik kleine solistische Aufgaben. Letztere sogar mit einer expressiven Arie.

Einen leicht zwiespältigen Eindruck hinterließ das Orchester La Visione. Zwar sprach die historische Aufführungspraxis für das Ensemble, allein die klangliche Homogenität hätte zuweilen besser sein können. Moderiert wurde das Kirchenkonzert von Festspiel-Intendant Holk Freytag, der mit wohl gesetzten Worten in die Handlung einführte. Ein langer wie bereichernder Abend war es. Zuletzt applaudierte das Publikum im Stehen.

Von Georg Pepl

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