Leichtgläubiger Bad Hersfelder Geschäftsmann wurde systematisch ausgenommen

Eine Million ergaunert

Bad Hersfeld. Ausgenommen wie die sprichwörtliche Weihnachtsgans wurde ein heute 77-jähriger Geschäftsmann aus Bad Hersfeld, dessen Leichtgläubigkeit und Hilfsbereitschaft einen Vermögensschaden von etwa einer Million Euro zur Folge hatte.

Was Ende des Jahres 2010 mit milden Gaben für ein bedürftiges Sinti-Pärchen begann, das steigerte sich über Darlehen zur Behebung vermeintlicher Notlagen von der Stromsperre bis zum Wasserschaden, und das kulminierte bis Mitte 2012 in Zahlungen an einen immer größeren Kreis von Betrügern, die bei dem alten Herrn mit haarsträubenden, bisweilen erpresserischen Geschichten von Mafia, Kripo-Chefs und Detektiven die Hand aufhielten – und mit Summen mitunter im fünfstelligen Bereich bedient wurden.

Vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Bad Hersfeld ging es gestern um 42 Fälle des gewerbsmäßigen Betrugs, bei denen ein Gesamtschaden von knapp 220 000 Euro entstanden ist. Angeklagt war eine 34 Jahre alte Sinti-Frau aus Bad Hersfeld, die gemeinsam mit ihrem mittlerweile verstorbenen Lebensgefährten für die ersten Taten der Serie verantwortlich zeichnete.

Ein um das andere Mal gingen die beiden den vermögenden alten Herrn um Geld an und unterschrieben mit falschen Namen fleißig die von ihm aufgesetzten Schuldscheine. „Schenken wollte ich nie“, sagte der Geschäftsmann gestern im Zeugenstand, doch nach einigen wenigen Rückzahlungen geringer Beträge machte er sich um die weitere Tilgung offenbar keine Gedanken.

Weil der gesundheitlich und möglicherweise auch psychisch angeschlagene Zeuge bei der Vielzahl der Fälle konkrete Zuordnungen kaum leisten konnte, gestaltete sich die Beweisaufnahme schwierig. Auch die Frage eines Sachverständigengutachtens über die Glaubwürdigkeit des Hersfelders stand zeitweilig im Raum.

Am Nachmittag verständigten sich die Verfahrensbeteiligten jedoch darauf, dass die Angeklagte bei einem Geständnis mit einer Bewährungsstrafe davonkommen würde. Diese ließ sich auch damit rechtfertigen, dass die Frau das ergaunerte Geld immer bei ihrem Lebensgefährten abliefern musste, der damit seine Spiel- und Drogensucht finanzierte. Das Gericht unter Vorsitz von Richter Michael Krusche verurteilte die 34-Jährige zu zwei Jahren Freiheitsstrafe, die für drei Jahre ausgesetzt werden. Zusätzlich wurde 150 Stunden gemeinnützige Arbeit verhängt.

Seine Freigiebigkeit verfolgt den Geschädigten bis heute: Am vergangenen Samstag, so berichtete er, hätte ein Motorradrocker der Hell’s Angels vor seiner Tür gestanden und 10 000 Euro verlangt – anderenfalls würde er von seinem Chef umgebracht. Diesmal ging der Besucher jedoch leer aus.  zum tage

Von Karl Schönholtz

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