Bad Hersfelder Festspiele: Annika Martens ist der Narr in „König Lear“

Eine komplizierte Rolle

Die doppelte Annika Martens: Auf dem Plakat im Schaukasten als Narr in „König Lear“, daneben in natura. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Der Narr in Shakespeares „König Lear“ ist kein Narr wie andere. Kein bloßer Spaßmacher mit garantiertem Lacherfolg beim Publikum. Vielmehr ist der Narr im „Lear“ derjenige, der dem verblendeten König als einziger die ungeschminkte Wahrheit sagt – und das in Sätzen, über deren Bedeutung man sich erst einmal klar werden muss.

„Es ist eine echt komplizierte Rolle“, sagt Annika Martens, die bei den Bad Hersfelder Festspielen ihren berühmten Kollegen Volker Lechtenbrink mit eben diesen Wahrheiten konfrontieren muss.

Was gemeint ist

„Ich musste erst einmal ausloten, wie ich meinen Text zu sprechen hatte,“ erinnert sie sich an den Beginn der Proben. Denn einerseits sollten die Zuschauer das Gesagte ja verstehen können, andererseits durfte ihr Tonfall nicht zu erklärend und damit abgehoben sein. „Man muss dahinter kommen, was der Narr eigentlich meint,“ beschreibt Martens die Problematik.

Das war bis zur Premiere ein hartes Stück Arbeit. Martens hatte eigene Vorschläge nach Bad Hersfeld mitgebracht, und es gab die Vorstellungen von Regisseur Holk Freytag. „Da bringt man sich gegenseitig auf neue Ideen, man bringt sich auch gegenseitig durcheinander, und auf die Palme. Man verwirft Ideen, bis man wieder bei den ersten landet,“ berichtet die Neu-Hamburgerin und kommt zu der Erkenntnis: „Wahrscheinlich bleibt von allem Ausprobierten eine Spur hängen.“ Am Ende habe sie versucht, die Vorgaben so umzusetzen, dass sie dafür auch die Verantwortung übernehmen konnte und Spaß hatte. „Jetzt spiele ich die Rolle sehr gerne“, sagt sie und freut sich über die positive Resonanz beim Publikum: Der Applaus schwillt jedes Mal an, wenn Martens sich verbeugt.

Die Ernsthaftigkeit, mit der sich die 35-Jährige mit „ihrem“ Narren beschäftigt hat, spiegelt sich auch im Werdegang der Schauspielerin wider. Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst vier Monate mit Straßenkindern in Kolumbien, ehe sie das bereits während der Schulzeit erklärte Berufsziel Theater anvisierte.

„Man muss damit klarkommen, dass man ganz viele Absagen kriegt,“ erinnert sie sich an ihre Bewerbungen bei den Schauspielschulen, „und ich habe ganz viele Absagen bekommen.“ Also noch ein Praktikum hier und Sprechunterricht da, um noch einen allerletzten Versuch zu wagen.

Ein paar Ähnlichkeiten

Und ausgerechnet bei der renommierten Ernst-Busch-Hochschule für Schauspielkunst in Berlin klappte es dann. Bis 2006 studierte sie dort, ehe sie in Karlsruhe fest engagiert wurde. Seit einem Jahr ist sie freischaffend, bisher mit Erfolg, denn auch die nächsten Stationen stehen mit Essen und Lübeck schon fest.

Doch noch genießt sie den Festspielsommer in Bad Hersfeld. Freut sich über die Reaktionen des „Lear“-Publikums auf ihre Vorstellung und darüber, dass die Hersfelder ihre Festspiele offenbar mögen.

Und mittlerweile sieht Annika Martens auch ihre Rolle ganz entspannt: „Vielleicht gibt es sogar ein paar Ähnlichkeiten zwischen dem Typen und mir. Aber ich musste mir seine Haltung erkämpfen.“

Von Karl Schönholtz

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