HZ-Montagsinterview mit Lomo-Seniorchef Dr. Herbert Sauerwein

Wie eine kalte Enteignung

Dr. Herbert Sauerwein, Lomo-Mineralölgroßhändler in der dritten Generation, musste sich nach 50 Jahren den Schachzügen einer internationalen Großbank geschlagen geben. Foto: Hornickel

Bad Hersfeld. Mit 422 Beschäftigten und drei Geschäftsführern zog die Mineralöl- und Treibstoffgroßhandlung Lomo Lorenz Mohr GmbH & Co KG am 25. Juli 2008 in die Insolvenz. Doch der Name Lomo lebt. Dr. Herbert Sauerwein, von 1958 bis 2008 Geschäftsführer von Lomo, hat den Namen zurück gekauft und mit der Mineralölvertriebs-GmbH DSH, 14 Mitarbeitern und 17 eigenen Tankstellen einen Neustart in der zurückerworbenen Firmenzentrale an der Dudenstraße gewagt. HZ-Redakteur Kurt Hornickel sprach mit dem 80-jährigen Unternehmer.

Herr Dr. Sauerwein. Sie haben 50 Jahre als Lomo-Geschäftsführer hinter sich. Dann kam die Insolvenz. Jetzt sitzen Sie nach einem erfüllten Arbeitsleben quasi als Jungunternehmer wieder am selben Platz. Warum tun Sie sich das an?

Dr. Herbert Sauerwein: Ich finde, die gut eingeführte Marke Lomo sollte eine Chance zum Weiterbestehen haben. Aus diesem Grund habe ich 17 Lomo-Tankstellen zurückübernommen und versuche die im Sinne der bewährten Lomo-Grundsätze weiterzuführen.

Nach 116 Jahren Firmengeschichte trat Ihr Hauptgesellschafter im Juli 2008 den Gang zum Amtsgericht in Bad Hersfeld an und meldete Insolvenz an. Wie ist es zu erklären, dass selbst Sie als einer der drei Geschäftsführer bis Anfang 2008 davon überrascht wurden?

Dr. Sauerwein: Seit Januar 2008 war eine führende amerikanische Investmentbank mit einem Anteil von 51 Prozent Lomo-Mehrheitsgesellschafter. Die Lomo-Geschäftsleitung war der Auffassung gewesen, dass die stürmische Geschäftsentwicklung die in den Jahren 2005 bis 2008 absolut branchenunüblich gewesen war, von unserem mittelständischen Unternehmen nicht mehr zu finanzieren sein würde. Dafür brauchte man eine Bank, die finanzielle Rückendeckung bot. Unsere großen internationalen Konkurrenten, die UTA und die DKV, waren genauso organisiert. Deswegen hielten wir den Einstieg einer Bank für richtig. Unser neuer Mehrheitsgesellschafter hat unsere langfristig bestehenden Verbindlichkeiten bei deutschen Banken aufgekauft (übrigens ohne unsere Genehmigung) und als Kapital in die Firma Lomo eingebracht.

Da ist aber wohl etwas schief gelaufen. Kaum ein halbes Jahr später meldete bekanntlich der Geschäftsführer des Mehrheitsgesellschafters Insolvenz an...?

Dr. Sauerwein: Das ist der Kern der Sache. Die Bank hat sich an die vertraglich abgesicherten Vereinbarungen nicht gehalten. Warum die Entscheidung gefallen ist, Lomo vom Markt zu nehmen, bleibt bis heute für mich ein Rätsel.

Verträge sind ja gemeinhin einzuhalten oder deren Einhaltung ist einklagbar. Das weiß keiner besser als Sie, der Sie ja Jurist sind. Warum hat sich Ihre Familie da nicht gewehrt?

Dr. Sauerwein: Gegen eine weltweit operierende Investmentbank mit unerschöpflichen Ressourcen an Personal und Geld kann man kurzfristig nicht gewinnen.

Also hat man Sie und Ihre Firma als Mittelständler vom Markt gekauft. ..?

Dr. Sauerwein: Das ist die einzige Erklärung. Wir waren gerade dabei, das europäische Tankkartengeschäft, das sich in den vergangenen Jahren fulminant entwickelt hatte, englischen Interessenten zu verkaufen. Mit dem Erlös hätten wir die Einlage der Bank mit Zins und Zinseszins abbezahlen können. Das hat die Bank im Handstreich verhindert.

Lomo hatte doch genug Besitz und somit Sicherheiten?

Dr. Sauerwein: Die Bank hat die Gutachten unserer Prüfgesellschaft nicht akzeptiert und behauptet, die Bewertung unserer Tankstellen, Rastanlagen und Autohöfe. die auf fundierten Prüfgutachten basierte, sei unrichtig. Wir haben das als kalte Enteignung empfunden, konnten uns aber nicht dagegen wehren. Uns wurden einfach rückwirkend für drei Jahre Wertberichtigungen in die Bilanz gestellt, die uns an den Rand der Überschuldung brachten. Dazu wurde uns vorgerechnet, dass das Darlehen eines Mitgesellschafters nicht zum Kapital zählt. Nach unserer Ansicht eine unhaltbare Auslegung. Und zur rechtlichen Gegenwehr war die Zeit zu kurz. Am 28. Juli morgens erst habe ich von der Anweisung der Bank erfahren. Die beiden Geschäftsführer haben sich auf die Anweisung des Mehrheitsgesellschafters berufen und sind zum Insolvenzgericht gegangen. Wenig später standen bereits die Mitarbeiter des Insolvenzverwalters aus Erfurt auf der Matte.

Hat das Amtsgericht die Rechtmäßigkeit des Antrages Ihrer Meinung nach ausreichend geprüft?

Dr. Sauerwein: Nein. Mein Sohn als dritter Geschäftsführer habe dem Amtsgericht sofort schriftlich mitgeteilt, dass die im Insolvenzantrag niedergelegten Gründe nicht zutreffen. Die Firma Lomo war zum Zeitpunkt des Antrages nicht zahlungsunfähig, sondern verfügte über eine Liquiditätsreserve im zweistelligen Millionenbereich.

Wie beurteilen Sie die Leistungen des Insolvenzverwalters Kai Dellit in Bezug auf die Erhaltung der Firma und der Arbeitsplätze?

Dr. Sauerwein: Leider hat die Insolvenzverwaltung noch am selben Tage die Arbeit der Lomo-Tankkartenabteilung stillgelegt. Von diesem Augenblick an konnten unserer Kunden an 8 000 Tankstellen in Europa nicht mehr mit der Lomo-Card bezahlen. Auf diesem Segment war das gesamte Unternehmen aufgebaut. Die Autohöfe waren so angelegt, um das strategische Geschäft europäisch zu stützen. Die Insolvenzverwaltung erledigte ihre Arbeit professionell. Leider aber nicht mit dem Ziel, das Geschäft zu erhalten, sondern um möglichst schnell den Gläubigern Geld zu verschaffen. So wurde alles verschleudert.

Hat Ihnen das Tankkartengeschäft das Rückgrat gebrochen?

Dr. Sauerwein: Dieser Bereich war solide finanziert. Zum Zeitpunkt der vorläufigen Insolvenz hatten wir eine zehntägige Liquiditätsreserve von zehn Millionen Euro. Deswegen waren wir immer flüssig und niemals zahlungsunfähig.

Sie persönlich sind ja nicht mehr der jüngste, Herr Dr. Sauerwein. Wie schätzen Sie denn die Zukunftschancen ihrer kleinen Lomo-Nachfolgerin ein?

Dr. Sauerwein: Wir hoffen, dass wir die 17 Tankstellen weiterführen können und wollen weitere kleine Tankstellennetze noch hinzukaufen.

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