Festspielkonzert: Bach mit dem Bassisten Klaus Mertens und der Organistin Susanne Rohn

Eine gesungene Predigt

Susanne Rohn begleitete Klaus Mertens einfühlsam. Foto: roda

Bad Hersfeld. „Hier reinige ich mich, in dieser Quelle wasche ich den Kulissenschmutz ab.“ Das sagte der 35-jährige Hamburger Theaterkapellmeister Gustav Mahler während der Arbeit an seiner 2. Sinfonie über die Musik Johann Sebastian Bachs. An ihr bewunderte er die „musikalische Sauberkeit“. Das konnten dem Jubilar Mahler (150. Geburtstag) am Sonntagnachmittag etwa 100 begeisterte Zuhörer im Johann-Sebastian-Bach-Haus nachfühlen. Der Rheinländer Klaus Mertens war für ein Festspiel-Konzertwochenende nach Bad Hersfeld gekommen – diejenige sängerische Bach-Instanz weltweit, wenn die tiefe Männerstimme gefragt ist.

Kernig, biegsam, schallkräftig

Männliche Zuhörer verlangen nach Sopranen, weibliche nach Tenören – o nein, „traulich und treu ist’s nur in der Tiefe“, um mit Richard Wagner zu sprechen. Beim 60-jährigen Klaus Mertens darf man diese „Rheingold“-Schlussworte im Hinblick auf Ehrlichkeit, Klarheit, Wahrheit, Weisheit deuten. Dabei gibt sich seine Stimme keineswegs basislagernd und tiefgründelnd, schon gar nicht brummig oder schwammig, vielmehr geradlinig, aufrecht, kernig, schallkräftig, schlank und biegsam, beinahe jugendlich-hell. In ihrer vollendeten Beherrschung (bei der Sommerhitze) und wohl dosierten Ergiebigkeit verliert sie nie den vokalen Faden, wahrt im Textvollzug noch jede sprachliche Interpunktion – fast zum Mitschreiben. Ihre Bass-Autorität schöpft sie nicht aus dröhnender Urgewalt, sondern aus der schlichten, quellklaren Verkündigung einer Botschaft, eben der des Bach’schen „Halleluja“, „Dir, dir, Jehova, will ich singen“ und „Von Gott will ich nicht lassen.“

Diese BWV-Nummer 658 gehört zur Sammlung der 18 Leipziger Choräle für Orgel. Die erste Choralstrophe endet mit der Zeile „…wo ich auch sei im Land“. Mertens dehnt im Cantus firmus die Haltenote auf „Land“ mit einem dezenten Crescendo-Decrescendo, haucht ihr damit nicht nur Leben ein, sondern gibt auch ein Bild von der Weite und Fülle des Landes.

Nicht fehlen durften drei Arienbeispiele aus geistlichen Kantaten – „Ich geh und suche mit Verlangen“ aus der gleichnamigen Duettkantate BWV 49, „Schlummert ein, ihr matten Augen“ und „Endlich wird mein Joch wieder von mir weichen müssen“ aus den Solokantaten „Ich habe genug“ BWV 82 bzw. „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ BWV 56.

Mertens ist in Konzerten wie auf CDs der Bass-Solitär in Ton Koopmans Totale der 220 Bachkantaten gewesen, dazu der Passionen, der Messe h-Moll und des Weihnachtsoratoriums. Eine singuläre Tat, die sich hier, im eineinhalbstündigen Festspielkonzert, zu einer gesungenen Predigt von hohem Ernst und zugleich eleganter Gestalt kristallisierte.

Doch selbst der prachtvollste Gesang braucht die Einbettung in eine Begleitung. Susanne Rohn, die renommierte Bachkantorin der Bad Homburger Erlöserkirche, spendierte gewandt, sensibel, ja spontan erfinderisch diese wohlige Sicherheit und „Nestwärme“, diese echte vokale Kammermusikpartnerschaft an der großen und kleinen Hausorgel wie an einem Virginal. Mehr noch: Für die Orgelpartita „Christ, der du bist der helle Tag“ BWV 766 sowie Präludium und Fuge A-Dur BWV 536 hatte sie viel geschmeidige Formkraft und sanft jubilierende Klanglichkeit übrig. (Der Hessische Rundfunk sendet das Konzert im Radio am 25. September um 21.30 Uhr auf hr2.)

Von Siegfried Weyh

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