Montagsinterview mit Volker Damm vom Weissen Ring über Opfer von Gewalt

Einbruch in die Seele

„Anderen helfen zu können ist etwas Wunderbares“: Der 76-jährige Volker Damm auf dem Rotenburger Marktplatz. Er leitet das Team des Weissen Rings im Landkreis. Foto: Dupont

Hersfeld-Rotenburg. Die Statistik über Wohnungseinbrüche listet kühle Zahlen auf. René Dupont sprach mit Volker Damm, dem Leiter der Außenstelle Hersfeld-Rotenburg des Weissen Rings, über das, was hinter diesen Zahlen steckt: Das Leiden der Opfer, das man wohl nur verstehen kann, wenn man selbst Opfer geworden ist.

Herr Damm, Sie und ihr zwölfköpfiges Team kümmern sich engagiert um Opfer von Gewalt im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Gehören dazu auch Opfer von Einbrüchen? 

Damm: Wir betreuen Opfer krimineller Gewalt in jeglicher Form. Unser Team begleitet etwa 120 bis 130 Opfer pro Jahr. Davon sind 75 Prozent neue Opferfälle. Die anderen betreuen wir über längere Zeiträume. Meist geht es um sexuelle oder häusliche Gewalt. Einbruchsopfer melden sich eher selten bei uns. Aber auch in diesem Bereich haben wir uns schon um gravierend Betroffene gekümmert.

Können Sie Beispiele schildern? 

Damm: In einem Fall wurde ein älteres Ehepaar nachts überfallen. Zwei Männer standen plötzlich im Schlafzimmer und prügelten auf das Ehepaar ein. In einem anderen Fall war das Opfer zur Zeit des Einbruchs nicht zu Hause. Seine Wohnung wurde durchwühlt und Gegenstände im Wert von 40 000 Euro gestohlen. Und wenn ein Stalker droht, dass er wisse, wie er jederzeit ins Haus komme, ist dies auch eine Form von Einbruch.

Kann man auch von einem Gewaltdelikt sprechen, wenn die Bewohner gar nicht zu Hause waren während des Einbruchs? 

Damm: Auch dann wird die Tat von vielen als seelische Gewalt empfunden. Ein solches Gewalterlebnis verändert häufig das Leben eines Menschen gravierend. Das äußerst wichtige Gefühl, zu Hause sicher zu sein, wird zerstört. Die Opfer verlieren diesen Schonraum dadurch, dass Fremde ihn gewaltsam betreten haben. Die Einbrecher haben in den privaten und intimen Dingen der Menschen herumgewühlt und sie vielleicht auch gestohlen oder zerstört.

Was hat das für Folgen? 

Damm: Viele Opfer haben noch Monate oder Jahre Angst in ihrer eigenen Wohnung. Dazu kann auch die Angst kommen, das Haus zu verlassen: Jeder Fremde, der einem begegnet, könnte der Täter sein. Es entsteht Misstrauen selbst gegenüber nahen Bekannten - insbesondere, wenn die Täter nicht gefasst werden. Manche Opfer versuchen, alldem durch einen Umzug zu entkommen.

Was ändert sich noch im Leben der Opfer? 

Damm: Bis zum Zeitpunkt der Tat war das Leben der Menschen überschaubar. Ein solches oft traumatisierendes Erlebnis hebt ihre Welt aus den Angeln. Sie werden von Schlaflosigkeit und Panikattacken gequält: Das Erlebte taucht immer wieder aus ihrem Inneren auf. Auch körperliche Schmerzen können dazukommen. Der Gang zur Polizei, zum Gericht und auch zu den Ämtern ist oft mit Angst verbunden. Der materielle Schaden ist für die Opfer häufig zweitrangig.

Wie helfen Sie den Opfern? 

Damm: Wir gehen nicht selbst auf die Opfer zu. Sie melden sich häufig bei uns, weil der Weisse Ring relativ gut bekannt ist. Auf deren Wunsch vermittelt auch die Polizei den Kontakt bei der Aufnahme der Anzeige. Dann sind wir sofort zur Stelle. Wir hören den Opfern zu, ohne nachzubohren. Wir geben ihnen Zeit. Es ist wichtig, dass sie sich nicht in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Bei Bedarf nutzen wir unsere guten Kontakte zu Therapeuten oder vermitteln andere Hilfestellen. Die Zusammenarbeit mit der Polizei läuft vorbildlich. Wir begleiten die Opfer dorthin oder unter anderem zum Gericht. Bei Bedürftigkeit helfen wir finanziell weiter.

Sie stecken so viel Zeit und Kraft in die Hilfe für die Opfer. Leiden Sie selbst unter dem Helfersyndrom? 

Damm: Wir in unserem Team dürfen auf keinen Fall unter dem Helfersyndrom leiden. Wir müssen mitfühlen, dürfen aber nicht mitleiden oder mitweinen. Wir müssen selbst eine gewisse innere Stärke und Kompetenz mitbringen. Deshalb werden wir auch ständig weiter geschult. Sonst können wir den Opfern nicht helfen.

Kontakt: Der Weisse Ring, Außenstelle Hersfeld-Rotenburg, ist erreichbar unter Telefon 06623/914 444.

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