Interview mit dem SPD-Bundestagsabgeordneten Michael Roth über Amazon

„Ein Boykott bringt nichts!“

Michael Roth (SPD)

Bad Hersfeld. Im Bundestag hat am Mittwochnachmittag auf Antrag der SPD eine aktuelle Stunde zum Thema Amazon stattgefunden. Einer der Hauptredner war der heimische Abgeordnete Michael Roth, der die Verhältnisse bei dem Internetkaufhaus besonders gut kennt. Mit ihm sprach Kai A. Struthoff

Herr Roth, braucht die Politik erst einen ziemlich tendenziösen Fernsehbericht, um auf die Verhältnisse bei Amazon aufmerksam zu werden, die Politiker wie Sie doch eigentlich lange kennen sollten?

Die Rede von Michael Roth im Bundestag finden Sie hier:

Amazon-Rede von Michael Roth 

Michael Roth: Ohne die kritische Medienberichterstattung hätten wir weder eine breite öffentliche Debatte über die Beschäftigungsbedingungen in der Logistikbranche, noch hätte Amazon entsprechende Konsequenzen aus Fehlern gezogen. Amazon ist aber definitiv kein Einzelfall.

Sondern?

Roth: Ich erinnere an die kritischen Berichte im vergangenen Jahr über die Arbeitsbedingungen der Paketzusteller bei GLS. Das Unternehmen aus Neuenstein hat sich bis heute einem vertraulichen Gespräch mit mir verweigert. Das habe ich noch nie erlebt! Und auch bei Amazon rächt es sich, dass man lange den Dialog mit einer immer kritischer werdenden Öffentlichkeit nicht gesucht hat. Daher habe ich ja einen regionalen Runden Tisch angeregt, an dem Amazon, Betriebsräte, Kommunalpolitiker und die Arbeitsagentur das Gespräch suchen sollten. Neues Vertrauen muss wachsen!

Die Arbeitsbedingungen bei Amazon sind ein Ergebnis von politischen Entscheidungen an denen auch die SPD mitgewirkt hat: Befristete Verträge, Arbeitnehmerüberlassung, Freizügigkeit. Und jetzt wollen Sie damit nichts mehr zu tun haben?

Roth: Ganz im Gegenteil! Wir haben nur aus den leider negativen Erfahrungen, etwa mit der Ausweitung der Leiharbeit, noch nicht die richtigen Lehren gezogen. Deshalb war es gut, dass wir im Bundestag darüber debattiert haben. Aber reden allein hilft nicht, es müssen konkrete Taten folgen. Deshalb gilt für die SPD: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, flächendeckende Mindestlöhne, Leiharbeit begrenzen, den Niedriglohnsektor austrocknen, die sachgrundlose Befristung von Arbeitsplätzen eindämmen und die betriebliche Mitbestimmung ausbauen!

So schlecht zahlt Amazon doch gar nicht, die Löhne dort liegen längst über der diskutierten Mindestgrenze?

Roth: Wenn Amazon in den vergangenen Jahren Transparenz statt Geheimniskrämerei hätte walten lassen, hätte es viele Vorurteile und Falschmeldungen nicht gegeben. Aber es gibt auch in unserer Logistikregion wachsende Kritik an der Branche. Dem kann man nur mit überzeugenden Argumenten begegnen. Mich besorgt weniger die Lage eines multinationalen Konzerns, sondern der Imageverlust für unsere ganze Region, die als bedeutende Logistikdrehscheibe erheblich profitiert hat. Ich möchte, dass die Beschäftigten motiviert zur Arbeit gehen, einen fairen Lohn bekommen und die entsprechende Wertschätzung für ihre Leistung erfahren.

Wir bekommen viele Mails von Amazon-Mitarbeitern, die uns schreiben, dass sie gern dort arbeiten und sich jetzt zu Unrecht als Arbeitssklaven gebrandmarkt fühlen.

Roth: Ja, aber es gibt nicht wenige, die beim Landkreis ihren Lohn aufstocken müssen, weil sonst das Einkommen für ihre Familien nicht reicht. Auch ich bekomme zahlreiche Rückmeldungen – viele negative, aber auch positive über die Arbeit bei Amazon.

Ist nicht auch der Kunde für die Arbeitsbedingungen mitverantwortlich, wenn er am 23. Dezember Geschenke bestellt, die Heiligabend geliefert werden sollen. Das heißt ranklotzen, oder glauben die alle noch an den Weihnachtsmann?

Roth: Straffe Organisation und harte Arbeit dürfen doch nicht zu schlechter Bezahlung und schlechten Arbeitsbedingungen führen. Hier stellt sich die Frage einer Unternehmenskultur, die sich nicht allein am Profit, sondern an den Interessen der Beschäftigten zu orientieren hat. Das haben in der Bundestagsdebatte im übrigen alle Kollegen fraktionsübergreifend betont. Ich halte aber nichts von Boykottmaßnahmen gegen Amazon. Wir könne die Uhr nicht zurückdrehen. Ein Internetkaufhaus ist ein attraktives Geschäftsmodell der Gegenwart und für die Zukunft. Das kann aber nur dauerhaft tragen, wenn die Arbeitsbedingungen dort dem Ideal der bei uns seit Jahrzehnten gewachsenen sozialen Marktwirtschaft entsprechen.

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