Montagsinterview mit Gefängnisseelsorger Dr. Andreas Leipold aus Bad Hersfeld

„Ein besonderer Ort“

Hinter Gittern – ein Bild mit Symbolcharakter: Pfarrer Dr. Andreas Leipold arbeitet in Hünfeld und Fulda als Gefängnisseelsroger. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Zehn Jahre lang war Dr. Andreas Leipold evangelischer Stadtkirchenpfarrer in Bad Hersfeld, bevor er in die Justizvollzugsanstalt Hünfeld wechselte und dort die Gefängnisseelsorge übernahm. Seit Februar ist er nun außerdem im Fuldaer Gefängnis für die seelsorgerische Betreuung der Häftlinge zuständig. Wir haben mit Leipold über seinen ungewöhnlichen Arbeitsplatz gesprochen.

Warum haben Sie sich ausgerechnet für die Gefängnisseelsorge entschieden und was genau bedeutet das eigentlich?

Dr. Andreas Leipold: Ich bin sehr neugierig und ich mag die Menschen, nicht nur die erfolgreichen. Ich fühle mich in gewisser Weise zu den Menschen dort hingezogen. Die Gefangenen befinden sich oft an einem Tiefpunkt in ihrem Leben und benötigen Hilfe und Beistand. Ich biete mich als Gesprächspartner an, halte aber auch Gottesdienste und betreue die Gefängnis-Band.

Ist ein Gefängnis nicht ein sehr deprimierender Arbeitsplatz?

Leipold: Es ist ein besonderer Ort und kein einfacher Ort. Das Entscheidende sind die Mauern und es gibt diesen typischen Gefängnisgeruch.

Haben die Insassen überhaupt Interesse, mit Ihnen über „Gott und die Welt“ zu sprechen?

Leipold: Es herrscht wegen der Schweigepflicht ein großes Vertrauen gegenüber der Gefängnisseelsorge. Ich führe auch schon mal ein Beichtgespräch oder spreche über die Bibel, aber meist geht es um ganz alltägliche Dinge. Das Leben, die Familie, ein Brief auf den jemand wartet, warum kommt die Freundin plötzlich nicht mehr zu Besuch? Manche Insassen spreche ich an, manche schreiben mir sogenannte Anliegen und bitten um ein Gespräch. Ich begleite die Gefangenen und höre ihnen zu. Ich möchte niemanden bekehren, freue mich aber natürlich, wenn jemand zum Glauben findet oder später auch in Freiheit mal einen Gottesdienst besucht.

Wie viele Besucher haben Sie denn so im Gottesdienst?

Leipold: Das ist ganz unterschiedlich. Mal feiere ich den Gottesdienst mit fünf, mal mit 20 Männern. Für viele ist das auch ganz einfach eine willkommene Abwechselung im tristen Gefängnisalltag. Ich musste mich allerdings erst daran gewöhnen, dass es mitunter laut zugeht. Das hat mich anfangs erschreckt.

Mit welchen Sorgen und Nöten wenden sich die Bediensteten und Angehörigen der Gefangenen an Sie?

Leipold: Da geht es eigentlich um ganz ähnliche Themen. Wie lässt sich zum Beispiel der Schichtplan mit dem Familienleben vereinbaren? Ich versuche für beide Seiten da zu sein. Der Unterschied ist: Die einen können abends wieder gehen, die anderen nicht.

Wissen Sie über die Straftaten Ihrer „Schäfchen“ Bescheid, und kennen Sie die Geschichte jedes Einzelnen?

Leipold: Ich versuche weniger die Tat als den Menschen zu sehen und möglichst unvoreingenommen zu sein. Deshalb sehe ich die Akten vor einem Gespräch in der Regel gar nicht ein.

Wie schwer ist es, die Distanz zu wahren und all die Schicksale nicht mit nach Hause zu nehmen?

Leipold: Das ist sehr schwer beziehungsweise mir fällt es sehr schwer. Seelsorge ist immer belastend. Belastend an meiner Arbeit im Gefängnis ist aber zum Beispiel auch dieses Geräusch der Schlüssel.

Warum ist die Gefängnisseelsorge ein Auftrag der Kirche?

Leipold: Ganz einfach. Im Matthäus-Evangelium Kapitel 25,36 heißt es: ‘Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.’ Der Besuch von Gefangenen ist also direkt Thema im Neuen Testament. ‘Im Auftrag Jesu gehen wir als Seelsorgerinnen und Seelsorger ins Gefängnis’ , so heißt es in einem Flyer der evangelischen Seelsorge aus dem Jahr 2009 und weiter: ‘Wir besuchen Gefangene und begleiten sie in ihrer besonderen Lebenssituation. Wir bestärken sie in ihrem Bemühen, ihr Leben zu verstehen und neu auszurichten, um künftig ein Leben ohne Straftaten zu führen.’ Das ist eine gute Zusammenfassung.

Sie glauben aber nicht, durch die Gefängnisseelsorge jemanden zu einem besseren Menschen machen zu können, der sein Leben plötzlich komplett umkrempelt?

Leipold: Nein. Das wäre vermessen zu glauben.

Im Fernsehen werden Gefängnisse häufig als Drogenumschlagsplätze und Orte von Macht und Unterdrückung dargestellt, wo der Stärkste das Sagen hat. Wie real ist das?

Leipold: Da ist was dran, aber so wie das Fernsehen vor allem den amerikanischen Knast zeigt, ist es hier nicht. Da haben viele Menschen tatsächlich ein falsches Bild. Es geht doch sehr menschlich zu. Mir ist es auch ein Anliegen, das transparent zu machen.

Haben Sie manchmal Angst?

Leipold: Ich habe immer ein bisschen Angst. Aber das ist auch gut so, das ist ganz wichtig. Ich bin ja nicht der Stärkste ... (lacht)

Von Nadine Maaz

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