Bachtage: Die Matthäus-Passion in bewegender Wiedergabe unter Siegfried Heinrich

Ehrenplatz unterm Kreuz

Eine eindringliche Darbietung der Matthäus-Passion erlebten die Zuhörer in der wohl gefüllten Stadthalle mit dem Hersfelder Festspielchor, den Virtuosi Brunensis, stimmgewaltigen Solisten und Siegfried Heinrich am Dirigentenpult. Foto: Hartmann

Bad Hersfeld. Johann Sebastian Bach und mit ihm zum 37. Mal die Internationalen Bachtage in Hessen und Thüringen schlagen in ihrem Tun den Bogen vom Leben zum Tod und wieder zum Leben. Es ist bibelgemäß das Daseinsgleichnis überhaupt, und keiner hat es so komprimiert zusammengefasst wie der Apostel Paulus im 2. Brief an die Korinther, Kapitel 5: „Christus ist darum für alle gestorben, damit die, die da leben, künftig nicht sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.“

Das vage Heute bindet sich an das Endgültige, Ewige. Nicht oft empfinden wir es so dringlich wie in der Matthäus-Passion. Trotz ungezählter Darbietungen, trotz unermesslichen Forscherfleißes wissen wir wenig über diese gewaltige Passionsmusik, die Bach, so die aktuelle Expertenmeinung, erstmals am Karfreitag des Jahres 1727 im Nachmittagsgottesdienst der Thomaskirche in Leipzig aufführte.

Dass Professor Siegfried Heinrich für die Matthäus-Passion am Karfreitag 2010 die Zuhörer in der knapp voll besetzten Bad Hersfelder Stadthalle um Applausverzicht gebeten hatte, rückte die Aufführung ein Stück näher an die ursprüngliche kultische gottesdienstliche Situation. Es schmälerte aber keineswegs die künstlerische Mitteilung. Bei aller Wiedergabenormalität erlebte man eine Vergegenwärtigung von ungewohnter Dichte, Demut, Sanftmut, ja Zärtlichkeit.

Flutende Stimmpracht

Vom lastenden e-Moll des Eingangschores bis zum besänftigten c-Moll des Schlusschores geht das Drama um den leidenden und sterbenden Gottessohn alle an, „die da leben“. Die etwa 80 Sänger des Hersfelder Festspielchores entfalten wie aus einem Mund ein unwiderstehliches Wir-Gefühl von flutender Stimmpracht, wogendem doppelchörigem Klangreiz und suggestiver Ausdeutungskraft der unzähligen Details, Ein kleines Extra-Territorium bildet am Beginn der von Tatjana Bauer geleitete Kinderchor mit der ins große Ganze eingewobenen Choralstrophe „O Lamm Gottes unschuldig“.

Zu einem immer tragfähigeren Fundament bei den vielen hessisch-thüringischen Gastspielen entwickeln sich die Virtuosi Brunensis aus Brünn. Flöten und Oboen erweisen sich als ebenso solistisch gewandt wie sensibel integriert in den flexiblen Streicherkörper und die impulsfreudige Continuogruppe um Christa Heinrich und Markus Fischer (beide Orgelpositiv).

Trotz der Streichung dreier Arien und des einen und anderen vokalen Dacapos, was eine Straffung der Gesamtdauer von drei auf zweieinhalb Stunden bewirkte, blieb den Gesangssolisten Raum zur Entfaltung. Zuerst natürlich dem Tenor Matthias Siddharta Otto, der mit Mut, Ausdauer, Lockerheit, Einfühlungs- und Willenskraft einen fast perfekten Ausgleich zwischen Pragmatik und Pointierung der monströsen Evangelistenpartie erreichte.

Mit wohlproportionierter Stimmfülle und sanfter Expression ist die Christuspartie des Bassisten Christoph Heinrich ausgestattet, während sein Kollege Andreas Czerney die vielen Kurzbeiträge und die finale Arie „Mache dich, mein Herze, rein“ mit entspannter Zuverlässigkeit absolviert.

Weibliche Dimension

Zentren der Andacht, persönlichen Aneignung und Verinnerlichung sind in dieser gesungenen Predigt die solistischen Frauenstimmen. Doch wann hat man sie ohne Selbstdarstellung so identifikatorisch erlebt wie hier bei Julia Caroline Küsswetter (Sopran) und Ida Aldrian (Alt)? Beide geben dieser Männergeschichte ihre unverzichtbare weibliche Dimension zurück: Die Sopranistin mit von unendlicher Atemstütze getragener feiner Linienbildung, die Altistin mit erlesenem Timbre und minuziös durchgebildeter, sprachgezeugter Artikulation.

Dieser Matthäus-Passion, aufs Fürsorglichste betreut von Siegfried Heinrich in seiner wohl 15. Einstudierung des Werkes als Chorknabe, Continuo-Organist und Dirigent, gebührt, bildlich gesagt, ein Ehrenplatz unter dem Kreuz.

Von Siegfried Weyh

Kommentare