Trotz Höhenangst kam Vize-Landrätin Elke Künholz zum Montagsinterview ins Riesenrad

Ich bin eher bodenständig

Nur nicht runtersehen: Die Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz beim Interview mit Redaktionsleiter Kai A. Struthoff im Riesenrad hoch über dem Lullusfest. Foto: Kristina Marth

Bad Hersfeld. Ein bisschen blass ist die Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz beim Interview in einer Gondel des 55 Meter hohen Bellevue-Riesenrads. Trotzdem spricht sie tapfer mit Kai A. Struthoff über Lolls, ihr Amt, Hartz-IV – und wagt dann sogar einen Ausblick.

Frau Künholz, Sie leiden unter Höhenangst. Danke, dass Sie trotzdem mit uns Riesenrad fahren. Wie schlimm ist es?

Elke Künholz: Es geht. Solange ich Sie anschaue oder geradeaus sehe, ist alles okay. Wahrscheinlich habe ich Höhenangst, weil ich sonst eher bodenständig bin.

Für Sie ist es das erste Lullusfest. Haben Sie sich schon an die „Attacke-Rufe“ und die seltsamen Lolls-Rituale gewöhnt?

Künholz: An die Attacke-Rufe habe ich mich gewöhnt, und ich bin sehr beeindruckt, wie viele Menschen hier beim Festzug oder beim Dippenmarkt zusammenkommen. Diese Atmosphäre kenne ich ganz gut, denn ich war früher mal Funkenmariechen. Das Bonbon-Werfen ist mir daher vertraut.

Ihr erstes Jahr im Amt ist bald rum. Abgesehen von dieser Riesenradfahrt – was war für Sie bisher der Höhepunkt?

Künholz: Ich konnte bislang das meiste, was ich mir zum Amtsantritt vorgenommen habe, umsetzen. Hinzu kommt die vertrauensvolle Zusammenarbeit in den Kreisgremien und besonders mit Landrat Dr. Schmidt. Meine Zielsetzungen im Fachbereich sind auch auf einem guten Weg – das ist für mich der Höhepunkt.

Gab es auch Tiefpunkte?

Künholz: Ganz zu Beginn war ich gleich mit den überplanmäßigen Ausgaben im Bereich der Jugendhilfe konfrontiert. Das war eine Kraftanstrengung, weil ich die Strukturen hier noch nicht kannte. Es war mit viel Arbeit verbunden, aber wir haben das Problem lösen können.

Stichwort Hilfe für Jugendliche: Ein 13-jähriges Mädchen ist nach dem Lolls-Besuch mit einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gekommen. Wie ist das möglich? Versagen hier die staatlichen Kontrollen?

Künholz: Natürlich sind diejenigen, die den Alkohol ausschenken, dafür verantwortlich, nach dem Alter ihrer Kunden zu fragen. Aber die besten Kontrollen, etwa durch die Polizei, schützen nicht vor übermäßigem Alkoholkonsum. Viel wichtiger ist die Prävention, und zwar schon ganz früh im 5. oder 6. Schuljahr, um auf die Folgen von Alkoholmissbrauch hinzuweisen. Per Gesetz muss es zwar in allen Gaststätten mindestens ein nicht-alkoholisches Getränk geben, das billiger ist als Bier, aber das müsste noch viel deutlicher auf den Karten erkennbar sein.

Die Hartz-IV-Regelsätze sind um fünf Euro – also etwa den Gegenwert einer Fahrt im Riesenrad – erhöht worden. Viele halten das für einen Hohn. Was sagen Sie als Sozialdezernentin?

Künholz: Wir sollten erst mal abwarten, wie sich die anderen Zusatzleistungen, etwa für Bildung, auswirken. Die fünf Euro sind nur ein kleiner Schritt nach oben, aber es ist eine Erhöhung. Im Moment liegen aber vor allem die geplanten Zusatzangebote für Kinder und Jugendliche noch etwas im Dunkeln, deshalb fehlt die genaue Basis für eine Diskussion. Sicherlich hätten sich viele eine stärkere Erhöhung gewünscht. Aber der Abstand zwischen einem Hartz-IV-Empfänger und einem Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor sollte schon gewahrt bleiben.

Die geplanten Bildungsgutscheine bringen für die Behörden einen erhöhten Verwaltungsaufwand mit sich. Können sie das überhaupt leisten?

Künholz: Momentan sind die Job-Center darauf personell nicht eingerichtet. Noch weiß auch keiner genau, wie das eigentlich ausgestaltet werden soll. Eine Alternative zu den bürokratisch aufwändigen Einzelfeststellungen wären Ganztagsschulen. Dort könnte nachmittags zusätzliche Bildung, mehr Förderunterricht und allerlei Interessantes, Wissenswertes und Nützliches für alle Kinder kostenlos stattfinden.

Vielleicht wagen Sie jetzt doch mal einen Blick nach draußen und in die Weite. Die Wirtschaft springt an, der Jobmotor brummt. Wie sind die Aussichten für den Kreis?

Künholz: Es stimmt, die Wirtschaft ist angesprungen. Ich bin froh, dass wir viele Menschen aus Hartz-IV wieder in Arbeit vermitteln konnten – zum Beispiel in das Weihnachtsgeschäft bei Amazon. Aber viele von ihnen werden wir im Februar wahrscheinlich wiedersehen. Von einer dauerhaften Entspannung im Sozialbereich kann noch nicht die Rede sein. Ansonsten muss der Kreis darauf achten, attraktiv zu bleiben, um nicht zwischen Kassel und Fulda verloren zu gehen. Die Ansiedlung der Fachhochschule in Bad Hersfeld ist dabei ein wichtiger Schritt. Jetzt muss uns gelingen, noch mehr Studiengänge hier anzusiedeln, dann sind wir auf dem richtigen Weg.

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