Wochenendporträt: Ernst Ulrich von Weizsäcker

Effizienz ist alles

Die amerikanische Stadt Atlanta ist 25mal größer als Barcelona, hat aber weniger Einwohner: Dieser Vergleich diente Ernst Ulrich von Weizsäcker gestern Abend beim Vortrag in Bad Hersfeld als Beispiel für Flächenverschwendung. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Bad Hersfeld ist ihm nicht fremd. Als Schüler in Göttingen und Uni-Präsident in Kassel besuchte Ernst Ulrich von Weizsäcker bei etwa einem halben Dutzend Gelegenheiten die Festspielstadt. In die Aufführungen in der Stiftsruine hat er es allerdings noch nicht geschafft.

Dafür hat ihm Bad Hersfeld auf andere Weise imponiert. Im Vorfeld des Vortrags, den der renommierte Umweltwissenschaftler gestern Abend zur Eröffnung der Energie- und Klimatage in der Stadthalle hielt, hatte sich von Weizsäcker mit Informationen über die lokalen Bemühungen zum Thema Energiewende versorgen lassen. Da nämlich sieht er Bad Hersfeld „auf einem guten Weg“.

Allerdings sind es weniger die Hersfelder Solarparks oder die Pläne für Windkraftanlagen, die den Mitbegründer des Wuppertal-Instituts beeindrucken. Es ist vielmehr das Förderprogramm „Bad Hersfeld saniert sich“, mit dem die Stadt die energetische Ertüchtigung von älteren Häusern unterstützt. Denn hier geht es um von Weizsäckers Lieblingsthema, die Effizienz.

Nur noch ein Zehntel

„Ich wohne mit meiner Familie in einem Passivhaus,“ erzählt er, „das benötigt nur noch ein Zehntel der Energie des üblichen Bedarfs. Und dieses Zehntel kann problemlos mit erneuerbaren Energien gedeckt werden.“

Mit dieser Argumentation hält von Weizsäcker auch das hehre Ziel der Hersfelder, in 30 Jahren zum Selbstversorger in Sachen Energie zu werden, für alles andere als unrealistisch. „Es geht darum, in einem langfristigen Prozess die Ineffizienz ‘rauszuschmeißen,“ sagt er.

Allerdings weiß auch von Weizsäcker um den Bumerang-Effekt, der zur Folge hatte, dass bisher fast jede Effizienzverbesserung „durch höheren Konsum verfrühstückt“ wurde. Und dass immer mehr Menschen in SUV-Fahrzeugen, also energetischen Dinosauriern, unterwegs sind, führt auf bisher viel zu niedrige Energiepreise zurück.

Doch für die Zukunft ist von Weizsäcker keineswegs pessimistisch, nennt sich sogar einen „Techno-Optimisten“. Er setzt auf ein „Pingpong“ von schrittweiser Verteuerung in dem Maße, wie Produktivität und Effizienz zulegen.

Jeder ein Pionier

Der Strukturwandel werde sich fortsetzen, und bei 18 Millionen Häusern in Deutschland sei deren energetische Sanierung ein Vollbeschäftigungsprogramm für das Handwerk.

Und mit erneutem Blick auf Bad Hersfeld sagt von Weizsäcker: „Jede Region kann hier Pionier werden.“ Sein jüngster Besuch war allerdings wieder ein ganz kurzer: Noch gestern Abend fuhr er mit dem Zug nach Frankfurt. Von dort fliegt er heute nach Japan. „Ich bin dort Gastprofessor an einer Universität. Da muss ich mich alle zwei Jahre mal sehen lassen.“

Von Karl Schönholtz

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