Szenische Lesung am Holocaust-Gedenktag im Buchcafé

Ein dunkler Abend

Gerichtstag halten über uns selbst: Ergriffen nahmen die Zuhörer bei der vom Schenklengsfelder Dieter Schenk vorbereiteten und vom Buchcafé, der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Amnesty International, vom DGB Nordhessen und der Vereinigung „Gegen Vergessen – Für Demokratie Nordhessen“ veranstalteten Lesung zur Kenntnis, wie sich Oswald Kaduk (Hartmut Käberich, hinten rechts) vor seinem Richter (Curt Heymann, links) einlässt. Auf der Leinwand sieht man Kaduk im Verhandlungssaal. Fotos: Apel

Bad Hersfeld. Am Abend des Tages der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz ist es auf der Bühne des Buchcafés noch dunkler als an anderen Abenden. Licht fällt allein auf einen ganz links an einem kleinen runden Tisch sitzenden, weißhaarigen Mann.

Es ist Curt Heymann, der in der von Dieter Schenk eingerichteten Lesung als Vorsitzender Richter Hans Hofmeyer im von 1963 bis 1965 auf nachhaltiges Betreiben des damaligen hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer am Landgericht Frankfurt geführten Auschwitz-Prozess Fragen an den am äußersten rechten Rand des Veranstaltungsraums sitzenden, ebenfalls in Licht getauchten SS-Mann Oswald Kaduk stellt.

Als Rapportführer und „Spieß“ tötete der zu lebenslanger Haft verurteilte, 90 Jahre alt gewordene Mann Häftlinge „nach Gutdünken und reiner Willkür“.

In der Rolle des Kaduk liest Hartmut Käberich Ausschnitte aus den Sitzungsprotokollen – liest das, was der frühere Metzger und Feuerwehrmann auf Vorhalt erwidert. Wie von wem selektiert und vergast wurde, wie die Stichflammen aus den Schloten loderten, dass man „die Juden nur empfangen und Befehle ausgeführt“ habe, dass es so sei, dass „nur die Handlanger auf der Anklagebank“ sitzen, dass mit zweierlei Maß gemessen werde. Auf Nachfragen des von Holk Freytag dargestellten, vorne links sitzenden Staatsanwalts zieht er sich mitunter auf „Erinnerungslücken“ zurück.

Mitten im Prozess

Hinter dem in jeder Hinsicht „mitten im Prozess“, dicht nebeneinander sitzenden Publikum trägt Brigitte Meier-Christ beklemmende Zeugenaussagen vor. Einen Sinto, dessen Mutter das KZ überlebt hat, wühlt das Ganze so sehr auf, dass er immer wieder an das Schicksal der Sinti und Roma erinnert. Alle spüren, dass sie bei dieser, zum ersten Mal aufgeführten Lesung in besonderer Weise „Öffentlichkeit“ sind, und dass die „Vorleser“ in bedrückender Weise nachvollziehen, was als Zitat von Fritz Bauer als Überschrift über der Veranstaltung steht: „Gerichtstag halten über uns selbst.“

Unterbrochen von Zwischenmusiken des Gipsy-Swing-Ensembles Roberto Rosenberger werden weitere Angeklagte verhört. Etwa Wilhelm Boger (Herbert Janßen), über den die Zeugin ausführt: „Wenn einer bei einer Vernehmung nichts gesagt hat, ging er mit ihm zur Sprechmaschine. Nach ein bis zwei Stunden hat derjenige dann nicht mehr wie ein Mensch ausgesehen.“ Nach dem in wenigen Ausschnitten vorgetragenen Plädoyer des Staatsanwalts zeigt ein Original-Video auf, zu welchen Strafen die Angeklagten des ersten Auschwitz-Prozesses verurteilt wurden.

Roberto Rosenberger singt in Zigeunersprache ein Lied von der Welt, die nicht mehr so schön ist, wie sie mal war. Ein zweites, väterlich-zärtlich vorgetragenes widmet er Monika Schmidt, die am Mittwoch zusammen mit Dieter Schenk in die Veranstaltung eingeführt und Hintergründe aufgezeigt hatte: „Wenn mein kleines Baby weint, tut mir mein Herz so weh!“

Von Wilfried Apel

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