Fünf Stunden Kirche mal ganz anders – Nachtkirche mit Meditation, Musik und Tanz

Vom Dunkel ins Licht

An der fünften Station gab es zum Frühstück frisch gebackenes Brot, unser Bild zeigt die Festspieler Birthe Gerken, Jonas Minthe und Maddalena Noemi Hirschal (vorne von links). Foto:Apel

BAD HERSFELD. Die Bögen der Stiftsruine erstrahlen in schönsten Farben. Tiefblauer Nachthimmel wölbt sich über die vielen Menschen, die sich auf die Nachtkirche – auf Tanz, Gesang, Musik, Meditationen und Gedankenaustausch – einlassen wollen.

Punkt zwölf intoniert ein Sänger mit tiefer Stimme: „Hört ihr Leut und lasst euch sagen, unsre Glock hat zwölf geschlagen: Zwölf, das ist das Ziel der Zeit. Mensch, bedenk die Ewigkeit!“ Pfarrerin Imke Leipold, Pröpstin Sabine Kropf-Brandau, Festspielintendant Holk Freytag und Pfarrer Holger Grewe begrüßen die „Gemeinde“: „Seid willkommen, ihr Nachteulen und Nachtwandler!“ Sogar Bischof Dr. Martin Hein ist angereist und spricht von Schutz und Gefahren, Hoffnung und Angst, Träumen und Abgründen, die sich im Dunkel der Nacht vereinen. Was macht die Nacht zur Nacht – zur Nacht Gottes? Menschen kommen auf die Bühne. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt: Zum Beispiel Reinhold, der um Mitternacht immer Hunger kriegt, oder Irene, die mit ihren Bügelwäschebergen kämpft. Ein Vokalquartett singt Verse bekannter Abendlieder und bildet den Rahmen für eine Abfolge von Gute-Nacht-Lektüre, -Gedanken und -Gebeten.

Nachtlichter weisen den Weg zur zweiten Station am Nordschulteich, wo auf Kommando von Sabine die Wasserfontäne in die Luft schießt. In schöner Umgebung werden die schönen Träume der Nacht geträumt – wird musiziert, getanzt, gesungen. Lampions leuchten auf, Ralph zeigt Tai-Chi-Schritte, Kerzen werden als stilisierte Seerosen auf das Wasser gesetzt und ziehen Spuren wie ein Traum.

In der alten Friedhofskapelle, der dritten Station, werden die Tränen der Nacht geweint. Betroffen erfahren die bei Kerzenlicht sitzenden Menschen, wie es ist, wenn ein Vater seinen Sohn verliert, wenn Mama tot ist. Weiter geht es zur nächsten Station: Die zweite Ebene des City-Parkhauses. Es gibt kleine Stärkungen, ehe Andreas dreimal den Gong schlägt und an diesem ungastlichen Ort die Abgründe der Nacht lebendig werden. Eine Trompete erzeugt Höllenlärm, Helgo spielt Spelunkenlieder, Sabine begeistert mit ihrem über das ganze Stockwerk hallenden Gesang und die Tango tanzende Birgit tut es ihr nach. Die Geschichte von Daniel in der Löwengrube weckt Hoffnung.

Auf dem Weg zur letzten Station, der Krypta der Stiftsruine, der Bühne, auf der der neue Tag begrüßt werden soll, erzählt eine der Mitwirkenden, wie sie gerade stundenlang unter Spannung gestanden hat. Die löst sich bei allen, als Andreas flötet, als die Schöpfungsgeschichte und der Sonnengesang des Franz von Assisi verlesen werden, als Anne Frank die Natur bejubelt, als es Tag wird und Sabine singt: „What a Wonderful World“. Im immer noch großen Kreis wird frisches Brot verteilt. Gesegnet und gestärkt gehen alle auseinander.

Von Wilfried Apel

Nachtkirche mit Meditation, Musik und Tanz

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