Montagsinterview mit Sahin Cenik, dem Vorsitzenden des Hersfelder Ausländerbeirats

Der Druck auf uns ist da

Er steht für den Dialog zwischen den Kulturen: Sahin Cenik ist Vorsitzender des Ausländerbeirats in Bad Hersfeld.

Bad Hersfeld. Der Ausländerbeirat in Bad Hersfeld hat in der vergangenen Woche einen Schmähbrief mit islam- und ausländerfeindlichen Parolen erhalten. Das unappetitliche Schreiben liegt unserer Redaktion vor. Über das Verhältnis von Ausländern und Deutschen in Zeiten des Mohammed-Videos sprach Kai A. Struthoff mit dem Deutsch-Türken Sahin Cenik, dem Vorsitzenden des Ausländerbeirates.

Herr Cenik, wie hat man in der ausländischen Gemeinschaft auf dieses Schreiben reagiert?

Sahin Cenik: Es herrscht jetzt viel Unsicherheit, auch wegen der Auseinandersetzungen um das Mohammed-Video. Wir sorgen uns vor allem um die Sicherheit unserer Kinder. Natürlich wissen alle, dass es auch hier bei uns dieses Gedankengut gibt. Aber derartig massiv sind wir bisher nicht attackiert worden. Ich selbst habe immer mal E-Mails bekommen, in denen sinngemäß stand, dass ich hier nichts zu suchen habe. Als Vorsitzender des Ausländerbeirats hat man halt nicht nur Freunde.

Sie sind selbst Moslem. Können Sie uns erklären, warum die islamische Welt so empört auf dieses Video reagiert?

Cenik: Ich selbst bin nicht sehr gläubig. Deshalb ist das für mich schwer zu erklären. Man sollte aber klar unterscheiden zwischen Muslimen und Fundamentalisten. Und Fundamentalismus gibt es auch nicht nur bei Muslimen. Mit meinen muslimischen Kollegen rede ich nur wenig über dieses Thema. Man spürt schon einen gewissen Unmut und Zorn. Ich vermute aber, dass die arabische Gemeinschaft darauf noch empfindlicher reagiert als wir in der türkischen Gemeinde.

Unlängst hat eine islamische Gemeinde in Bad Hersfeld den Wunsch geäußert, eine neue Moschee zu bauen. Kommt dieses Ansinnen zur falschen Zeit?

Cenik: Nein. Der islamische Verein an der Dudenstraße ist schon lange auf der Suche nach neuen Räumen. Gerade dort wird versucht, die Integration und den Kontakt zwischen Christen und Moslems voranzutreiben. Dazu werden auch Vereine und christliche Kirchen angesprochen. Dort werden Türen nach beiden Seiten geöffnet.

Das gilt aber nicht für alle Moscheen, oder?

Cenik: Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Moscheen. Ich finde aber, wenn wir hier schon gemeinsam und friedlich zusammenleben, dann können wir doch auch gegenseitig unsere Veranstaltungen besuchen – so, wie es in der Dudenstraße praktiziert wird.

Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist das Klima zwischen Christen und Muslimen insgesamt angespannter. Wie erleben Sie das hier vor Ort?

Cenik: In unserer Region hat sich für mich nichts verändert. Aber wenn ich beispielsweise verreisen will, dann merke ich schon, dass die Kontrollen schärfer geworden sind. Ich halte das auch für richtig! Aber es gehört auch Fingerspitzengefühl dazu. Die Überwachung ist stärker geworden, auch für die Migranten vor Ort. Der Druck auf uns ist da.

Sie selbst treten nimmermüde für den Dialog und den Austausch zwischen den Bevölkerungsgruppen ein. Werden Sie zum Beispiel auf das Mohammed-Video angesprochen?

Cenik: Ja, sicher. Vor allem von Menschen, die mich und meine Arbeit kennen. Auch über den Drohbrief habe ich mit anderen gesprochen. Das hilft auch, Ängste abzubauen. Deshalb ist es umso bedauerlicher, dass jetzt so ein Film richtig reinhaut. Statt der Verständigung lodern jetzt wieder die Flammen auf.

Was kann unsere Politik hier vor Ort tun, um die Verständigung zu befördern?

Cenik: Vereine, die sich dafür einsetzen, sollten unterstützt werden. Gerade die Sportvereine leisten da einen wichtigen Beitrag und bringen deutsche und ausländische Jugendliche zusammen. Wenn jetzt die Fördergelder gestrichen werden, zerbricht die Vereinsarbeit. Im Sozialbereich darf man nicht kürzen. Denn ohne diese Vereine läuft auch die Integrationsarbeit nicht.

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