Bad Hersfeld liest ein Buch: Abschluss mit Hermann Vinke und Sandra Kegel

Drastische Erzählweise

Abschlussveranstaltung „Bad Hersfeld liest ein Buch: Die Journalisten Hermann Vinke und Sandra Kegel gestalteten mit Lesung und Gespräch einen spannenden Aben zu Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“. Foto: Landsiedel

Bad Hersfeld. Genau einhundert Jahre sind seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 vergangen; heute, im Jahr 2014 nehmen die Befürchtungen zu, dass Europa angesichts der Krisenherde in der Ukraine und im Nahen Osten wieder in eine ähnliche Gewaltspirale geraten könnte. Dass Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“ so plötzlich an Aktualität gewinnen könnte, hatte die Jury bei ihrer Auswahl zur Lektüre für „Bad Hersfeld liest ein Buch 2014“ sicherlich nicht erwartet.

„Nichts gelernt aus der Geschichte?“ stellte denn auch der Erste Stadtrat Dr. Rolf Göbel in seiner Begrüßungsrede zum Abschlussabend der diesjährigen Veranstaltungsreihe als Frage in den Raum, um diese sogleich mit der Aufforderung „Zeigen wir, dass wir die bitteren Lektionen der beiden Weltkriege gelernt haben!“ zu beantworten. Zuvor hatte Dr. Göbel an das Landsturm-Infanteriebataillon Hersfeld erinnert, welches am 12. Oktober 1914 Hersfeld in Richtung Belgien verließ. Nach zwei Jahren Etappendienst wurde das Bataillon im Juli 1916 an die Front verlegt, wo es alsbald schon die ersten Gefallenen zu beklagen hatte.

Als „Vorleser“ haben die Organisatoren um Dr. Thomas Handke und Sandra Rudolph in diesem Jahr den bekannten Journalisten und Sachbuchautor Hermann Vinke gewonnen. Der hatte sich als Lesestoff zwei zentrale Passagen aus Remarques Roman ausgewählt. Die erste befasste sich mit dem „Verheizen“ einer ganzen Generation auf den Schlachtfeldern in Frankreich und Belgien. So blieb denn von den ursprünglich 150 Soldaten in Paul Bäumers Kompanie nur ein klägliches Häuflein von 32 Mann übrig.

Um die Erkenntnis, dass der Feind eigentlich kein Feind sondern ein Mensch ist, ging es in der zweiten von Vinke gelesenen Passage. Paul Bäumer sticht einem französischen Soldaten, der plötzlich neben ihn in einen Granattrichter stolpert, mit seinem Messer reflexartig dreimal in den Bauch. Der Franzose ist jedoch nicht sofort tot. Während Bäumer sich um den Sterbenden kümmert, reift in ihm die Erkenntnis, dass sein Gegenüber auch ein Mensch mit Namen, Biographie und Familie ist.

Beklemmende Authentizität

Im Gespräch mit FAZ-Redakteurin Sandra Kegel unterstrich Hermann Vinke nochmals die Wucht und beklemmende Authentizität, die der Roman aus seiner drastischen Erzählweise in der Gegenwartsform aus der Ich-Perspektive des Protagonisten Paul Bäumer gewinnt. Er selbst habe den Roman erstmals 1961 gelesen. Die heutige Jugend könne sich gar nicht mehr vorstellen, dass seinerzeit die Jugend mit Begeisterung freiwillig in den Krieg zog. Trotz aller Propaganda und Kriegsbegeisterung habe die junge Generation allerdings sehr schnell realisiert, dass sie vollkommen sinnlos verheizt wurde.

Kritisch merkte Vinke dazu an, dass die Verführungsmechanismen heute viel stärker und perfider seien als 1914 oder sogar während der NS-Zeit. Die Soldaten wurden damals zu seelenlosen Kampfmaschinen gedrillt, um in der Tötungsmaschinerie der Schlachtfelder bestehen zu können. „Drill bedeutet Dressur und Zerstörung der Persönlichkeit“ betonte Vinke und ergänzte, dass auch in der Bundeswehr das Prinzip von Befehl und Gehorsam gilt. Er selbst habe übrigens den Wehrdienst verweigert.

Von Thomas Landsiedel

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