Bewährungschance nicht genutzt: 41-Jähriger muss (vielleicht) hinter Gitter

Doch kein Glücksfall

Bad Hersfeld. Als sein Mandant im Oktober vergangenen Jahres trotz einer ellenlangen Liste einschlägiger Vorstrafen vom Strafrichter am Bad Hersfelder Amtsgericht noch einmal die Chance zur Bewährung erhielt, notierte sich der Rechtsanwalt Jochen Kreissl in der Akte das Wort „Glücksfall“.

Doch mit dieser Einschätzung lag Kreissl genauso schief wie das Gericht: Schon ein paar Wochen später war der 41-jährige Hersfelder wieder ohne Führerschein mit dem Auto unterwegs, hatte wieder Alkohol getrunken und diesmal den Pkw vor Schreck über sich nähernde Polizisten rückwärts gegen einen Baum gesetzt.

Nicht leicht gemacht

Damit nicht genug. Dem Vorfall vom Rotenburger Schlosspark folgten im Januar dieses Jahres eine Fahrt auf dem Krad bei Bebra – auch dafür wäre eine Fahrerlaubnis erforderlich gewesen – und im Mai ein Tankbetrug in Bad Hersfeld über 77,71 Euro. Überflüssig zu erwähnen, dass der Angeklagte auch dabei ohne Führerschein unterwegs war.

Obwohl die Fakten klar auf der Hand lagen und der momentan obdachlose Hersfelder alle Vorwürfe einräumte, machte es sich das nun zuständige Schöffengericht mit seinem Vorsitzenden Michael Krusche nicht leicht. Denn bei dem Angeklagten handelt es es sich um einen kranken Mann.

So war ursprünglich noch eine weitere Autofahrt angeklagt, die am Tag nach der Begegnung mit den Rotenburger Polizisten stattgefunden hatte: Da war der 41-Jährige bei Hohenroda in den Wald gefahren, um sich mit Abgasen das Leben zu nehmen. Ein Spaziergänger war jedoch aufmerksam geworden und hatte Hilfe herbeitelefoniert.

Zwar hatte der Hersfelder schon seit seiner Jugend Probleme mit dem Alkohol und Ärger mit der Polizei, doch völlig aus der Bahn geworfen hat ihn im Herbst vergangenen Jahres die Trennung von der Ehefrau. Zwischenzeitlich war der gelernte Werkzeugmechaniker für mehrere Wochen Patient in der Psychiatrie des Hersfelder Klinikums.

Das Schöffengericht verurteilte ihn am Ende – wie von der Staatsanwaltschaft beantragt – zu einem Jahr Freiheitsstrafe und versagte ihm damit die von seinem Verteidiger erneut erbetene Bewährungschance. Richter Krusche begründete die Entscheidung mit dem Hinweis, dass der Angeklagte durch seinen Betreuer und die Bewährungshilfe jede denkbare staatliche Unterstützung erhalten habe – leider ohne Erfolg.

Der Richter führte jedoch weiter aus, dass das Urteil der ersten Instanz nicht bedeute, dass der Hersfelder jetzt gleich ins Gefängnis müsse. Für den Fall einer Berufung sei bis zur nächsten Verhandlung ausreichen Zeit, dem Landgericht Anhaltspunkte für eine günstige Sozialprognose zu präsentieren. „Es ist alles machbar, wenn man will“, gab Krusche dem Angeklagten mit auf den Weg.

Von Karl Schönholtz

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