HZ-Montagsinterview mit dem wiedergewählten hessischen DGB-Chef Stefan Körzell

Direkt-Kontakt ist wichtig

Körzell mit Jugendbildnis: Der DGB-Chef mit einem 18 Jahre alten Foto, das ihm der frühere Kreisvorsitzende Julius Klausmann überreicht hat. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Stefan Körzell bleibt Vorsitzender des DGB-Bezirks Hessen-Thüringen. Der gebürtige Wildecker, der in Bad Hersfeld lebt, wurde am Sonnabend bei der Bezirkskonferenz in der Stadthalle mit 85 von 91 Stimmen wiedergewählt. Kai A. Struthoff sprach nach der Wahl mit dem Gewerkschafter.

Herr Körzell, ist die Wirtschaftskrise eigentlich gut für die Gewerkschaften?

Körzell: Nein, denn die Wirtschaftskrise ist nicht gut für unsere Kolleginnen und Kollegen. Sie leiden darunter, sind in Kurzarbeit, die Familien müssen sich finanziell einschränken. Die Verelendungstheorie stimmt nicht, dass die Leute in die Gewerkschaften eintreten, wenn es ihnen schlecht geht. Wir hätten es aber lieber, dass die Wirtschaft brummt. Dann könnten wir anders für die Gewerschaftsbewegung werben.

Treten jetzt mehr Menschen in die Gewerkschaft ein?

Körzell: Wir hatten im vergangenen Jahr einen Rückgang der Mitgliederzahl von 1,8 Prozent. Allerdings steigt der Organisationsgrad in den Betrieben. Die Verluste haben wir bei älteren Mitgliedern, die sterben, oder sie treten wegen Arbeitslosigkeit aus. Die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft GEW und die Polizeigewerkschaft GDP haben allerding unter dem Strich sogar Zuwächse.

Thüringens ehemaliger Minsiterpräsident Althaus hat erklärt, dass er künftig als Lobbyist für den Autozulieferer Magna arbeiten wird. Wäre so ein Seitenwechsel für Sie auch denkbar?

Körzell: Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, meine Arbeit ist für mich eine Herzensangelegenheit. Die Arbeitnehmer haben viele Probleme, die wir lösen müssen. Das treibt mich jeden Morgen an, diese Arbeit macht mir Spaß.

Und wie finden Sie den Wechsel von Althaus?

Körzell: Na, ich war schon überrascht, wie schnell das ging. Aber das muss er mit sich selbst ausmachen. Ich jedenfalls hätte in seiner Situation nicht so gehandelt.

Deutschland diskutiert über die von Roland Koch angeregte Arbeitspflicht für Hartz-IV-Empfänger. Spricht er nicht vielen Arbeitnehmern aus der Seele, die täglich hart arbeiten, aber nur unwesentlich mehr als ein Hartz-IV-Emfänger verdienen?

Körzell: Die Frage ist doch, ob nun die Leistungen zu hoch oder aber die Löhne zu niedrig sind. Die Gewerkschaften sagen, die Löhne sind zu niedrig, deshalb stimmt auch der Lohnabstand zu Hartz-IV-Empfängern nicht. Natürlich gibt es auch Leute, die nicht arbeiten wollen und stattdessen schon morgens betrunken sind. Das finde ich auch nicht gut. Diese Menschen haben aber meist multiple Probleme – Alkoholsucht, kaputte Familien. Ihnen sollte geholfen werden, aber das hat Hartz-IV bisher nicht geschafft.

Dennoch gibt es bei uns eine Neiddebatte, die Roland Koch bedient. Welche Antworten haben die Gewerkschaften?

Körzell: Wir wollen eine öffentliche Beschäftigungsoffensive. Der öffentliche Dienst ist bei uns unterentwickelt. In Dänemark beispielsweise sind 33 Prozent der Beschäftigten im öffentlichen Sektor tätig, bei uns in Deutschland hingegen nicht mal die Häfte davon. Das macht deutlich, wo wir Stellschrauben haben. Wir könnten beispielsweise im Bereich der sozialen Dienstleistungen Stellen schaffen. Diese müssen aber auch ordentlich bezahlt werden und dürfen nicht mit 1-Euro-Jobbern besetzt werden.

In unserer Region schafft vor allem die Logistikindustrie Arbeit – und wird trotzdem wegen angeblich zu niedrigen Löhnen, Zeitarbeit und den Arbeitsbedingungen kritisiert. Wie stehen Sie dazu?

Körzell: Ich habe die Logistik nie verteufelt, sondern immer gesagt, dass wir direkt auf die Arbeitgeber und Arbeitnehmer zugehen müssen. Es gilt, Chancen auszuloten und sich gegenseitig zu helfen, etwa bei unterschiedlichen Auslastungszeiten. Dazu gehört aber auch, dass die Beschäftigten in den Betrieben sich organisieren. Es reicht nicht, wenn Stefan Körzell vor dem Zaun steht und bessere Löhne fordert. Jeder muss auch selbst im Betrieb etwas dafür tun.

Berufspolitikern wird oft vorgeworfen, sich zu weit von der Parteibasis zu entfernen. Ist das bei Gewerkschaftern auch so?

Körzell: Das mag sein. Ich hoffe aber, nicht bei mir. Ich mache diesen Job jetzt seit acht Jahren und besuche seither regelmäßig jeden Monat mehrere Betriebe. Ich führe direkte Gespräche – an der Werkbank, im Forschungs- oder im Dienstleistungszentrum. Ich wollte jetzt zu den Kanalreinigern in Frankfurt runter, aber das wurde mir aus Sicherheitsgründen nicht gestattet. Ich möche aber immer sehen, wo und unter welchen Bedingungen unsere Kollegen arbeiten. Das geht jedoch nur im direkten Gespräch – und deshalb will ich diesen direkten Kontakt auch in den nächsten vier Jahren beibehalten.

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