Montagsinterview mit Paul Bierwirth, Ausbilder auf der Lehrbaustelle Bebra

„Die Grundlagen fehlen“

Hat alles im Blick und kennt sich aus auf dem Bau: Paul Bierwirth ist Beton- und Stahlbetonbauermeister und Ausbildungsleiter der Lehrbaustelle Bebra. In den Händen hält er ein Nivelliergerät zur Messung von Höhenunterschieden. Foto: Maaz

Bebra. Das Handwerk leidet unter Nachwuchsmangel, und auch auf dem Bau macht sich das bemerkbar. Während die Lehrbaustelle Bebra zu „Spitzenzeiten“ 90 junge Menschen in einem Jahrgang ausbildete, gab es 2014 nur 32 Neustarter.

Wir sprachen mit Ausbildungsleiter Paul Bierwirth über die Veränderungen der vergangenen Jahren, Herausforderungen für die Zukunft und vermeintliche Vorurteile.

Viele Ausbilder beklagen die mangelnden Fähigkeiten der Bewerber. Sind die Auszubildenden heute wirklich schlechter als früher?

Paul Bierwirth: Wir stellen fest, dass viele schlechter vorbereitet ins Berufsleben starten. Häufig fehlt es an wichtigen grundlegenden Dingen. Die mathematischen Kenntnisse sind oft mangelhaft, zudem werden einfache Verhaltensregeln und Werte wie Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit missachtet. Wir müssen viel Zeit aufwenden, um diese Mängel erstmal zu beseitigen.

Bei vielen mangelt es auch am Bezug zur Praxis. Heute ist jeder in der Lage, einen Computer oder ein Handy zu bedienen. Aber einen Nagel mit der richtigen Seite vom Hammer verletzungsfrei einzuschlagen oder ein Holz mit der Säge zu zerteilen, bereitet vielen Probleme.

Die Auftragsbücher der meisten Betrieben sind voll. Woran liegt es, dass trotzdem immer weniger junge Menschen eine Ausbildung auf dem Bau beginnen?

Bierwirth: Der Bau hat einen schlechten Ruf in dem Sinne, dass vorrangig schwere körperliche Arbeit verrichtet werden muss. Heute hat die Technik allerdings vieles ersetzt. Wir benötigen Nachwuchskräfte, die mit der Technik umgehen können, die sich selbst organisieren und komplexe Aufgabenstellungen lösen können.

Nach wie vor muss natürlich die Bereitschaft da sein, bei Wind und Wetter draußen zu arbeiten. Wir können entsprechende Kleidung zur Verfügung stellen, aber am Wetter können wir nichts ändern. Und es gibt eben Arbeiten, die müssen auch bei Regen zu Ende gebracht werden.

Im Winter frieren, im Sommer schwitzen – was macht für Sie den Reiz eines Bauberufs aus?

Bierwirth: Das ist ganz einfach. Ich kann mir nach 36 Jahren noch angucken, woran ich vor 36 Jahren mitgearbeitet habe. Egal ob das Bauwerke, Straßen oder Außenanlagen sind. Das was der Handwerker geschaffen hat, hat in der Regel dauerhaften Bestand.

Baustellen sind fest in Männerhand. Welche Chancen bieten sich für Frauen?

Bierwirth: Baustellen sind nicht fest in Männnerhand, aber überwiegend. Frauen schrecken teilweise noch vor Bauberufen zurück, da spielt sicher auch die klassische Rollenverteilung rein. Meist sind es Töchter von Unternehmern, die diese Richtung einschlagen, um im Familienbetrieb mitzuarbeiten. Aber auch als Vermessungstechnikerinnen oder Bauleiterinnen sind Frauen längst im Einsatz.

Durch den technischen Fortschritt mehren sich die Möglichkeiten für Frauen im Bauhandwerk. Dennoch ist es eine Herausforderung für die Firmen, wenn auf wechselnden Baustellen stets getrennte Unterkünfte und sanitäre Einrichtungen bereitgestellt werden müssen.

Wie viele Frauen gibt es denn auf der Lehrbaustelle?

Bierwirth: Wir haben zurzeit eine junge Frau im Vorbereitungslehrgang, die Fliesenlegerin werden möchte. Im Bereich Straßenbau steht eine weitere gerade kurz vor dem Abschluss.

Das Projekt „Flüchtlinge und Asylbewerber im Bauhandwerk“ wird viel gelobt. Es gibt aber auch Kritiker, die meinen, dadurch würden Plätze für andere Jugendliche verloren gehen ...

Bierwirth: Wir haben noch keinen abweisen müssen. Im Gegenteil. Diese Plätze sind frei, weil die Betriebe bisher niemanden gefunden haben. Mit dem Projekt wird versucht, diese Lücken zu füllen und zusätzliche Leute zu gewinnen.

Wie kann dem Nachwuchsmangel sonst noch begegnet werden?

Bierwirth: Diese Problematik ist bei uns ja schon seit einigen Jahren bekannt, und auch die Betrieben haben das inzwischen erkannt. Wir bieten zum Beispiel schon seit vielen Jahren die Informationstage für Schüler, Lehrer und sonstige Interessierte an, bei denen wir den Teilnehmern spielerisch die Aufgaben und Anforderungen des Bauhandwerks näher bringen wollen.

Was ist eigentlich dran am Klischee des biertrinkenden Bauarbeiters, der nur Mettbrötchen isst?

Bierwirth: Als meine Patentochter vor vielen Jahren ein Schulprojekt hatte, bei dem die Kinder Baustellen nachbilden sollten, hatte tatsächlich jeder Arbeiter eine Flasche in der Hand (lacht). Diese Zeiten sind aber vorbei, wie in anderen Branchen auch. Heute kann es sich auch aus Gründen des Gesundheits- und Versicherungsschutzes keiner mehr leisten, unter Alkohol- oder Drogeneinfluss Maschinen zu bedienen. Alkohol auf dem Bau ist einfach ein Unding. Was die Mettbrötchen betrifft: Auf den Baustellen gibt es sicher auch noch etwas anderes zu essen, aber ohne Mampf kein Kampf, wie es so schön heißt.

Hintergrund, Zur Person

Von Nadine Maaz

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