Montagsinterview mit Angelika Kappe, Geschäftsführerin von Verdi-Osthessen

„Der 1. Mai ist wertvoll“

Amazon hält die Gewerkschaft auf Trab: Aber am 1. Mai hofft Angelika Kappe auch auf viele andere Teilnehmer an der zentralen Kundgebung. Foto: Struthoff

Hersfeld-Rotenburg. Der Tag der Arbeit steht in diesem Jahr ganz im Zeichen der Wahlen. Im Kreis Hersfeld-Rotenburg findet die zentrale Kundgebung am 1. Mai ab 10 Uhr am Bad Hersfelder Lullusbrunnen statt. Hauptrednerin ist die Geschäftsführerin von Verdi-Osthessen, Angelika Kappe. Mit ihr sprach Kai A. Struthoff.

Frau Kappe, ein Maifeiertag im Doppel-Wahljahr muss für Gewerkschaften doch ein wahrer Freudentag sein. Jetzt buhlen alle Parteien um Ihre Gunst ...

Angelika Kappe: Mit den Wahlversprechen ist das ja immer so eine Sache, da kommt es auch auf die erreichten Mehrheiten an. Die Gewerkschaften werden ganz bewusst keine Wahlempfehlung herausgeben. Wir sind überparteilich, aber nicht neutral. Wir schauen genau nach den Inhalten der Parteien. Aber wir glauben, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer klug genug sind, selbst zu erkennen, welche Partei gewerkschaftlichen Forderungen am ehesten gerecht wird.

Heute kommt SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück zu Amazon. Was erwarten Sie von seinem Besuch und von ihm als Kanzlerkandidat?

Kappe: Von seinem Besuch erwarte ich Unterstützung bei der Neuregelung der Leiharbeit. Das Arbeitnehmer-Überlassungsgesetz muss geändert werden. Unternehmen sollten verpflichtet werden, die Leiharbeit nur zur Überbrückung von Auftragsspitzen zu nutzen – so wie das mal gedacht war. Was ich von ihm als Kanzler erwarte, weiß ich noch nicht so recht. Wir haben ja die Hartz-IV-Gesetzgebung unter SPD-Kanzler Schröder erlebt. Das war ein Rückschritt. Jetzt sollte mindestens die Rente mit 67 gestoppt beziehungsweise ausgesetzt werden.

Bei Amazon stehen die Zeichen auf Streik. Allerdings bekommen die Amazon-Mitarbeiter doch schon deutlich mehr Geld, als jetzt in der Mindestlohndebatte gefordert wird.

Kappe: Amazon ist der größte Online-Versandhändler weltweit. Er könnte seine Mitarbeiter ohne weiteres nach Tarif bezahlen. Deshalb fordern wir einen Tarifvertrag, der dann auch die Arbeits- und Einkommensbedingungen in dem Betrieb regeln würde.

Auch Gewerkschaftsmitglieder kaufen gern günstig ein. Höhere Gehälter würden sicher an die Kunden weitergegeben.

Kappe: Es gibt diese „Geiz-ist-geil“-Mentalität. Aber sie ist eben nicht immer richtig, denn dadurch wird eine Spirale in Gang gesetzt. Wie soll ich Dienstleistungen bezahlen, wenn ich selbst schlecht bezahlt werde? Gewerkschafter schauen deshalb auch auf Nachhaltigkeit und Arbeitsbedingungen. Hätten wir gerade im Einzelhandel einen Flächentarifvertrag mit klaren Lohnvorgaben, würde die Konkurrenz nicht über Arbeitnehmerlöhne, sondern über die Preisgestaltung der Waren stattfinden.

Für die 1.-Mai-Veranstaltung am Lullusbrunnen werben Sie mit einem Quiz und tollen Preisen. Sind derartige Lockvogel-Angebote nötig, um die Arbeitnehmer noch zu motivieren?

Kappe: Die Frage ist doch, welchen Wert der 1. Mai in der heutigen Zeit noch hat. Vielen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist offenbar nicht mehr bewusst, dass dies ihr Tag ist. Viele machen lieber mit dem Bollerwagen einen Ausflug mit der Familie. Dabei ist es wichtig, an diesem Tag immer wieder gute Arbeitsbedingungen einzufordern. Den Tag der Arbeit gäbe es nicht ohne Gewerkschaften. Daran erinnern wir bei der Kundgebung und bieten dazu ein Rahmenprogramm für die ganze Familie an.

Trotzdem sind die Gewerkschaften offenbar nicht mehr so attraktiv wie früher. Ihnen fehlen inzwischen oft sogar die Mitglieder, um in den Betrieben Druck aufzubauen.

Kappe: Das gewerkschaftliche Selbstverständnis hat sich geändert. Früher hat man seinen Arbeitsvertrag und gleichzeitig die Mitgliedschaft in der Gewerkschaft unterschrieben. In der heutigen Zeit ist das nicht mehr so.

Sind Gewerkschaften womöglich überholt?

Kappe: Die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer müssen sich bewusst werden, was sie erreichen können, wenn sie zusammenhalten und für ihre Forderungen eintreten. In unserer modernen Arbeitswelt, in der erwartet wird, dass man rund um die Uhr verfügbar sein muss, ist das wichtiger denn je. Dieses Bewusstsein kann sich aber nur in den Betrieben selbst entwickeln. Die arbeitende Bevölkerung muss sich auch selbst bewegen, um mit der Gewerkschaft gemeinsam etwas zu erreichen. Diese Erfahrung ist zwar etwas verloren gegangen, aber sie ist keinesfalls überholt.

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