Interview mit Prof. Siegfried Heinrich, dem Künstlerischen Direktor der Oper, über die Zukunft der Bad Hersfelder Festspiele

„Der edle Wettstreit muss weitergehen“

Versunken im Banne der Musik: Prof. Siegfried Heinrich an seinem Lieblingsplatz, der Orgel im Bachhaus. Foto: Teufel

Bad Hersfeld. Heute beginnen in der Stiftsruine die Bad Hersfelder Opernfestspiele. Sabrina I. Teufel und Kai A. Struthoff sprachen darüber mit dem Künstlerischen Direktor, Prof. Siegfried Heinrich.

Herr Professor Heinrich, der Arbeitskreis für Musik erinnert zuweilen an eine Sekte, deren Guru Sie sind. Sie agieren so, als gebe es keinen Festspielstreit, als gingen Sie die Fragen nach der Zukunft von Oper und Schauspiel nichts an.

Prof. Siegfried Heinrich: Das ist eine sehr einseitige Sicht. Es gibt einen mühsam erarbeiteten Vertrag, der das Miteinander von Schauspiel und Oper regelt. Dieser Vertrag hat sich bewährt und Frieden geschaffen. Warum sollten wir jetzt daran rütteln?

Der Vertrag läuft in zwei Jahren aus. Eine neue Lösung muss her. Aber Sie stellen sich stur?

Heinrich: Wir stellen uns nicht stur. Aber das Land ist der Eigentümer der Ruine, deshalb müssen Initiativen auch von dort ausgehen. Wir wollen auch nicht den Eindruck erwecken, dass wir an dem viel höheren Schauspiel-Etat teilhaben wollen. Zudem warnen uns aber auch viele Experten: Wenn wir in das Schauspiel integriert würden, dann wären wir nur das fünfte Rad am Wagen.

Was ist daran falsch, eine Oper in das Schauspiel-Programm zu integrieren und dafür gemeinsam zu werben?

Heinrich: Gegen gemeinsame Werbung sind wir nicht, sondern wir haben diese stets praktiziert. Seitens des Schauspiels ist dies nicht geschehen, obwohl auch die gegenseitige Werbung klar im Vertrag geregelt ist.

Und deshalb versuchen Sie, ein Konzert des Dresdener Kreuzchors zu verhindern?

Heinrich: Im Gegenteil: Ich hatte mit dem Kantor des Kreuzchores, Roderich Kreile, ein Konzert für 2013 vereinbart – und zwar in Kooperation mit dem Schauspiel! Das hat Holk Freytag abgelehnt und das Konzert als seine eigene Veranstaltung angekündigt. Das war dann allerdings wirklich zu viel. Deshalb freue ich mich, dass der Bürgermeister in dieser Frage eindeutig für die Einhaltung der bestehenden Verträge plädiert hat.

Reden Sie überhaupt noch mit Holk Freytag?

Heinrich: Herr Freytag hat sich nie für unsere Einladungen interessiert. Er kommt auch nicht zu unseren Konzerten. Von ihm kommt gar keine Antwort, kein Echo.

Oper und Theater leben auch von großen Namen, großen Stimmen, großen Akteuren. Kritiker werfen Ihnen vor, Künstler aus Osteuropa und Südkorea zu rekrutieren – Leute, die man hier nicht kennt.

Heinrich: Wir haben einen Etat von unter einer Million Euro – für unser gesamtes Jahresprogramm. Dabei kostet eine Opernproduktion viel mehr als ein Schauspiel. Dadurch kann man jungen Sängern eine Chance geben, die durch hervorragende Begabung auf sich aufmerksam gemacht haben. Der Deutsche Musikrat hat uns bestätigt, dass kein anderes Festival in der Bundesrepublik so viele junge Sänger groß herausbringt. Viele Künstler, die hier auftreten, singen ein Jahr später in Bayreuth oder Salzburg.

Stichwort Bayreuth: Frank Castorf hat dort in diesem Jahr den „Ring“ revolutioniert. Wären derartige Experimente mit Ihnen auch möglich?

Heinrich: Wir stellen die Verantwortung gegenüber dem Werk in den Vordergrund. Was der Komponist gewünscht und geschrieben hat, das ist für uns verbindlich. Das besprechen wir im Vorfeld auch so mit den Regisseuren. Dennoch werden unsere Hörer eine sehr lebendige Carmen-Inszenierung sehen – die aber ganz im Sinne Bizets gestaltet wird. Es wird nichts auf den Kopf gestellt. Und dafür sind uns Publikum und Sänger dankbar.

Was ist wichtiger: Die Inszenierung oder die Musik?

Heinrich: Für mich sind beide gleichberechtigt. Wenn die Aktion auf der Bühne der Stiftsruine überzieht und keine ausgewogene Balance zwischen Szene und Musik gelingt, ist das des Guten zu viel. Beiden Regisseuren ist es vorbildlich gelungen, Leben auf die Bühne zu bringen. Dennoch wird die Oper entscheidend durch die Musik getragen.

Herr Professor Heinrich, Sie sind nicht mehr der Jüngste. Wie soll es weitergehen? Wie ist Ihre Vision für die Zukunft der Bad Hersfelder Festspiele?

Heinrich: Die Oper sollte auch in Zukunft vom Schauspiel getrennt sein, mit zwei Intendanzen, so wie das auch in den meisten anderen Festspielorten der Fall ist. Aber natürlich sollten beide Gattungen gemeinsam beworben werden. Der edle Wettstreit zwischen Schauspiel und Oper sollte bestehen bleiben – zum Wohle der Stadt, der Festspiele und des Publikums.

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