Ensemble der Oper probt täglich für „Nabucco“ und die „Zauberflöte“

Der Chor kniet sich rein

Szenenprobe „Nabucco“: Dariusz Niemirowicz baut als Zacharias (Vordergrund, Zweiter von rechts) in seinem Stück das Volk (Chormitglieder drumherum) auf. Kontrolliert wird alles von Regisseur Rainer Wenke (rechts). Fotos: Strecker

Bad Hersfeld. Ungläubig reißen Männer und Frauen die Augen auf, tasten sich Schritt für Schritt für Schritt in das Zentrum der Stiftsruine vor. Ihnen prasselt die erste Melodie aus Guiseppe Verdis „Nabucco“ entgegen, während ein Mann beide Arme in die Höhe reißt und mit den Handflächen gegen die alten Mauern schlägt. Seine Fingerspitzen graben sich beinahe in den Stein, als er auf seine Knie sinkt. Eine Frau blickt nach oben, schlägt eine Hand vor den Mund und schließt die Augen. Sie sieht nicht die Stiftsruine, sondern einen zerstörten Tempel. Immer mehr Menschen kommen hinzu, falten die Hände zum Gebet, schließen die Augen und erstarren wie zu einem lebendigen Stillleben. So beginnt die erste Szene der Oper „Nabucco“, die der Arbeitskreis für Musik auf die Beine stellt. Sie feiert am 11. August in der Stiftsruine Premiere. Die Zeit läuft also für die Proben.

„Nicht so statisch“, schreit Regisseur Rainer Wenke dann auch vom Bühnenrand aus. „Ich will sehen, wie ihr betet. Ich will an euren Gesichtern ablesen, dass ihr mit Gott sprecht. Aber bewegt euch ruhig.“ Verständiges Nicken von den knapp 40 deutschen Chormitgliedern. Dann einige Sätze auf Polnisch. Nicken nun auch bei den 40 Sängern aus Posen in Polen. „Also, noch einmal in die Bet-Stellung“, ruft Wenke, schreitet zwischen den Choristen hin und her, schiebt einzelne Männer und Frauen in die richtigen Positionen, kontrolliert, nickt. Weiter geht’s.

Jetzt ist der Solo-Auftritt von Dariusz Niemirowicz dran, der den Zacharias gibt. „Ihr müsst ihm aufmerksam zuhören. Er gibt euch neue Hoffnung. Das will ich auch sehen“, erklärt Wenke. Niemirowicz beginnt so tief zu singen, dass die Schwingungen im Magen zu spüren sind und sich in der Ruine ausbreiten, während der Sänger durch die Masse der Chormitglieder schreitet.

Perfekte Kulisse

„Nabucco ist wie für die Stiftsruine geschaffen. Die Menschen strömen zu Beginn in einen zerstörten Tempel. Eine bessere Kulisse gibt es nicht als diese Ruine“, sagt Siegfried Heinrich, künstlerischer Leiter und Dirigent über die biblische Oper um König Nebukadnezar II. von Babylon. Am Abend zuvor war eine musikalische Probe angesetzt, bei der Heinrich den Takt angab, indem er mit allen Chormitgliedern die Aussprache ihrer Stücke einstudierte: „Es heißt nicht bauennauf Gott, sondern bauen - auf - Gott“, sagt er und klopft mit dem Dirigierstab im Takt auf den Notenständer.

Sogar beim konzentrierten Arbeiten merkt man den Sängern an, wie viel Freude ihnen das Einstudieren von „Nabucco“ und der zweiten Oper, Mozarts „Zauberflöte“, macht. „Es ist wirklich ehrgeizig, zwei Opern in zwei Wochen zu proben, aber der Zusammenhalt ist großartig“, sagt Ruth Kiefer. Die 36-Jährige hat auf dem ungewöhnlichsten Weg zum Chor gefunden, in dem zwölf Leute aus Bad Hersfeld, aber auch welche aus Bebra, Nentershausen, Cornberg und Heringen mitsingen. „Ich wohne seit zehn Jahren in San Diego und singe dort im Opernchor. Das wollte ich in Deutschland auch einmal versuchen“, erklärt die Event-Managerin. Im Internet habe sie die Stiftsruine entdeckt und gewusst: Dort will ich singen, egal wie. „Ich bin einmal im Jahr in Deutschland, aber diesmal müssen meine Freunde nach Bad Hersfeld kommen, um mich zu sehen.“

Von Judith Strecker

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