HZ-Interview mit Kerstin Schmidt, der neuen Leiterin der Gesamtschule Obersberg

Die Chefin lehrt Mathe

Kerstin Schmidt, die neue Leiterin der Gesamtschule Obersberg, mit einem Kunstobjekt im Bereich der Fünftklässler, denen in den ersten Wochen die Angst vor dem Massenbetrieb der Bad Hersfelder „Lernfabrik“ genommen werden soll. Foto: Schönholtz

Bad Hersfeld. Die Aufgaben einer Schulleiterin nimmt Kerstin Schmidt schon seit dem Abschied ihrer Vorgängerin im Februar wahr, doch der offizielle Festakt ihrer Amtseinführung als neue Chefin der Gesamtschule Obersberg (GSO) findet erst am kommenden Donnerstag statt. Wir sprachen mit ihr über größere Verantwortung, G 8 und G 9 sowie über Konkurrenz unter Schulen.

Frau Schmidt, wann haben Sie ihre letzte Unterrichtsstunde gehalten und worum ging es dabei?

Kerstin Schmidt: Meine letzte Unterrichtsstunde habe ich gestern gehalten und da ging es um Zuordnungen. Das war Mathematik, Klasse 7.

Zuordnungen? Was ist das?

Schmidt: Im Endeffekt hat man zwei Größen, die in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen. Da gibt es ganz viele praktische Beispiele, nämlich proportionale Zuordnungen, die wir jeden Tag haben, wenn wir einkaufen oder wenn wir tanken. Diese mathematischen Zusammenhänge sind eine wichtige Grundlage für das Verständnis von Funktionen, mit denen man auch im realen Leben unwahrscheinlich viel mathematisch beschreiben kann.

Also Mathe direkt aus dem Leben gegriffen...

Schmidt: Jawohl.

Sie waren bisher die Stellvertreterin, doch als Leiterin sind Sie jetzt für 735 Schülerinnen und Schüler direkt verantwortlich. Spüren Sie da mehr Druck?

Schmidt: Ja. Es ist schon ein anderes Gefühl, weil man merkt, dass viele Fragen, die man früher weiterleiten konnte, jetzt an meiner Stelle enden. Ich habe zwar ein Super-Schulleitungsteam, mit dem ich mich bespreche und austausche, aber es gibt Situationen, in denen die endgültige Entscheidung bei mir liegt. Und dafür muss ich dann auch gerade stehen. Das ist dann schon ein größerer Druck.

Die Schulen stehen mittlerweile untereinander im Wettbewerb und sind dabei um ein eigenes Profil bemüht. Manchmal wirkt das auch sehr bemüht. Welche Ideen haben Sie für die GSO?

Schmidt: Ich denke, an der GSO ist da in den letzten Jahren schon ganz viel Vorarbeit geleistet worden. Wir sind eine Schule mit musikalischem Schwerpunkt und wir haben die Sportklassen. Das sind Bereiche, die wir ab Klasse fünf sukzessive aufbauen und ausweiten. Wir haben Bläser-, Streicher- und Chorklassen ab der Jahrgangsstufe 5. Bei uns können die Schüler nicht nur das „Handwerkszeug“ erlernen, sondern ihre musikalische Karriere auch im Orchester, dem Chor oder der Big Band fortsetzen. Die Sportklassen könnten zum Beispiel an der MSO in einen Sport-Leistungskurs münden. Das sind die großen Standbeine, die uns jetzt vielleicht von anderen Gesamtschulen unterscheiden. Ein anderer Bereich ist die Gesundheitsförderung. Da haben wir hohe Ziele, aber das steckt noch in den Kinderschuhen.

Aber Sie merken doch bei den Anmeldungen, dass eine Resonanz vorhanden ist?

Schmidt: Genau. Die Chor- und die Sportklassen werden von Vielen direkt nachgefragt.

Hand aufs Herz, der Obersberg wirkt wie eine einschüchternde Lernfabrik. Wie nimmt man die Kleinen, die Fünftklässler, bei der Hand, damit sie nicht vor Ehrfurcht erstarren?

Schmidt: Das ist uns bewusst. Deshalb haben wir da auch eine ganze Menge gemacht. Zum einen veranstalten wir neben dem Tag der offenen Tür kurz vor dem Sommerferien auch einen Schnuppernachmittag. Da lernen die Viertklässler schon ihre Klassenlehrer, ihre Mitschüler und ihre Klassenräume kennen. Die befinden sich in einem eigenen Bereich mit einem großen Vorraum, mit Fenstern in den Türen und eigenem Schulhof. Das ist sehr gut angekommen. Es ist aber auch so, dass die Fünftklässler schon nach ein paar Wochen stolz durch die ganze Schule laufen und sich gut zurechtfinden.

G 8 oder G 9 – die Diskussion ist wieder voll entbrannt. Wie stehen Sie dazu?

Schmidt: Wir haben G 8 und momentan keinerlei Aktivitäten, irgendwas zu ändern. Wir sind auch der Meinung, dass das eine Frage ist, die im Schulverbund geklärt werden muss. Da muss man sich an einen Tisch setzen. Wir machen die Erfahrung, dass die Schülerinnen und Schüler beim Wechsel in die Oberstufe der Modellschule Obersberg nicht besser oder schlechter sind als die, die G 9 hatten. Aber man muss auch sagen, dass auf dem Weg dorthin ein paar mehr „verloren“ gehen. Der Wechsel in den Realschulzweig oder das Wiederholen einer Jahrgangsstufe ist in dem G 8-Bildungsgang schon größer. Wir haben deshalb überlegt, was wir tun können, um die Belastungen für die Schüler abzufedern, beispielsweise durch Förderkurse, Zusatzstunden oder Klassenlehrerstunden, die so nicht im Plan stehen.

Sagen Ihre Kollegen jetzt eigentlich Chefin zu Ihnen?

Schmidt (lacht): Manche, aber eher freundschaftlich, wenn sie sagen „Ich muss jetzt zur Chefin“. Das ist dann aber nett gemeint.

Von Karl Schönholtz

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