Bad Hersfelder Festspiele: Großer Beifall für die Premiere von Cusch Jungs Inszenierung des Musical-Klassikers

"My Fair Lady": Charakterstudien mit heiterem Ernst

Und bringt mich pünktlich zum Altar: Der zu Geld gekommene Müllkutscher Alfred P. Doolittle (Ilja Richter) besingt und beklagt sein schweres Schicksal als reicher Mann. Fotos: Thomas Landsiedel

Bad Hersfeld. Wer seine Herkunft verschleiert, der läuft Gefahr, sein wahres Ich zu verlieren: Mit dem Spannungsfeld zwischen Selbstachtung und Selbstverleugnung beschäftigt sich Cusch Jungs Inszenierung des Musicals „My Fair Lady“ für die Bad Hersfelder Festspiele.

Das ist seriös herausgearbeitet, wenn der Phonetik-Professor Henry Higgins wettet, das Blumenmädchen Eliza binnen sechs Monaten mittels Spracherziehung gesellschaftsfähig zu machen. Weil der Genre-Klassiker mit überbordendem Dialogwitz und einem Füllhorn unvergesslicher Melodien protzen kann, liegt über der zweieinhalbstündigen Aufführung ein unbeschwert heiterer Ernst, den das Publikum immer wieder enthusiastisch beklatscht.

Verlorene Identität

Die Entdeckung des Abends ist die ehemalige No Angels-Sängerin Sandy Mölling als Eliza. „Ich habe nur Blumen verkauft, nicht mich selbst“, hält sie ihrem tyrannischen Lehrer entgegen, um sich dann doch dessen Drill zu unterwerfen („Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen“) und am Ende festzustellen, dass sie ihre Identität verloren hat. Mölling spielt leidenschaftlich, singt anrührend und wirkt hier wie da durch eine gewisse Brüchigkeit authentisch.

Cusch Jung als Professor Higgins und Ilja Richter in der Rolle des Müllkutschers Alfred P. Doolittle sind sich in ihrer Blasiertheit und Arroganz ziemlich ähnlich – wenn auch auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen. Und beide müssen sich wandeln: der eingefleischte Junggeselle Higgins verliert sein Herz an Eliza („Ich bin gewöhnt an ihr Gesicht“), der früher notorisch klamme Doolittle kommt zu Geld und wird seinerseits permanent angepumpt. Für den Regisseur und Ilja Richter sind das Paraderollen, die beide mit sichtlicher Freude ausspielen.

Gute-Laune-Bär

Gunther Emmerlich gibt den tapsigen Gute-Laune-Bär Oberst Pickering. Er ist das von Menschlichkeit geprägte Regulativ, sieht und behandelt Eliza nicht nur als Objekt. Seine sympathische Verdutztheit sorgt immer wieder für Lacher.

Marlon Wehmeier als Freddy Eynsford-Hill (sehr schön gesungen: „In der Straße, mein Schatz, wo du lebst“) ist der Gegenentwurf zu Eliza, denn hier verbirgt sich hinter hochgestochenem Ausdruck ein schlicht gestricktes Gemüt.

Erkennbares Profil

Auch den Nebenrollen hat die Regie erkennbares Profil verliehen: Jessica Kessler hat als Mrs Pearce das Herz auf dem rechten Fleck und Gertraud Jesserer (Mrs. Higgins) sieht ihren Sohn so kritisch wie sie ihre schützende Hand über Eliza hält. Ein engagiertes und präzise geführtes Ensembles verschafft selbst den kleineren Parts verdiente Aufmerksamkeit.

Alles in Allem lässt Cusch Jungs Inszenierung „My Fair Lady“ für sich selbst sprechen. Keine bemühte Modernisierung, (fast) keine zeitgeistigen Anspielungen, sondern punktgenaues Spiel im Vertrauen darauf, dass die vorhandenen Themen auch ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung nichts von ihrer Schärfe und Aktualität verloren haben.

My Fair Lady - das neue Musical in Bad Hersfeld

Das Auge des Betrachters kann in Opulenz schwelgen, wenn das detailverliebt ausgestattete Ensemble (Kostüme: Ella Späte) High Society oder Arbeiterklasse spielt. Karin Fritz hat dazu ein pfiffiges Bühnenbild geschaffen, das die Handlung aus dem geschlossenen Raum ins Freie verlegt und die Weite der Stiftsruine wirken lässt.

Treue Festspiel-Besucher werden zudem festgestellt haben, dass Melissa King zum wiederholten Mal eine außerordentlich einfallsreiche, mitreißend schwungvolle und bis in kleinste Kleinigkeiten ausgearbeitete Choreographie geschaffen hat. Grandioser Höhepunkt ist dabei Doolittles Hochzeitsszene „Bringt mich pünktlich zum Altar“.

Verlässliche Stütze

Eine weitere verlässliche Stütze der Hersfelder Musicals ist das Live-Orchester unter der Stabführung von Christoph Wohlleben. Mal ein verlässlicher Begleiter, dann wieder mit schönen, energiegeladenen Akzenten macht die Musik aus dem Graben den Unterschied zu Produktionen aus der Konserve.

Unter dem Strich ist „My Fair Lady“ ein höchst vergnügliches Erlebnis, das sich mühelos einen Platz unter den herausragenden Musical-Produktionen der Festspiele sichert. Das Premieren-Publikum spendete am Freitag reichlich Beifall, immer wieder zwischendurch und am Ende minutenlang durch stehende Ovationen.

Von Karl Schönholtz

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