Don Quijote wird im Familienstück der Bad Hersfelder Festspiele zum liebenswerten Kämpfer der Fantasie

Bunt und herrlich überdreht

Ritter und Knappe: Don Quijote (Viola von der Burg, links) auf Schlachtross Rosinate und Sancho Pansa (Thomas Gimbel) auf seinem Esel.

Bad Hersfeld. Nichts, Sancho, braucht die Welt mehr als Ritter! Wer bringt sonst Gerechtigkeit?“ Ohne Zweifel: Der Don Quijote auf der Bühne der Stiftsruine ist ein Verrückter. Zugleich aber auch ein leidenschaftlicher Verfechter menschlicher Ideale.

Die Geschichte vom selbsternannten Ritter, der in die Schlacht gegen Alltagsdinge und damit auch gegen die Langeweile einer neuen Zeit zieht, inszeniert das Autoren- und Regieduo Tobias Bungter und Laura Quarg bei den Bad Hersfelder Festspielen frei nach Miguel de Cervantes (1547 bis 1616) als Theaterstück für die ganze Familie.

Viola von der Burg gibt dabei überzeugend den hageren, liebenswert-zauseligen Ritter. Mit Thomas Gimbel als unentwegt sprichwörterverdrehendem Knappen Sancho Pansa steht ihr ein genialer, weil grundverschiedener Partner zur Seite.

Schrill, bunt und herrlich überdreht kommt die Bad Hersfelder Inszenierung daher. Das neonfarbene Bühnenbild im Stil einer Bauwagensiedlung kann dank herzförmiger Fenster gewisse Parallelen zum Wohnmobil-Strich nicht verleugnen. Auch bei den fantasievollen Kostümen wird mit Farbe nicht gespart (Bühne/Kostüm: José Luna). Abmischung und Timing in der Tonregie lassen allerdings zu wünschen übrig. Dadurch geht etwa Lea Isabel Schaafs Gesang als feurige Paella-Wirtin ein wenig unter. Lorris A. Blazejewski als rappender Priester und der Auftritt der Galeerensklaven sind musikalische Höhepunkte (Kompositionen: Thomas Unruh).

Starkes Ensemble

Auf der Bühne steht durchweg starkes Ensemble. Einfach putzig ist Co-Regisseurin Laura Quarg, die Sanchos Tochter spielt, auf dem Dreirad. Zu den Publikumslieblingen gehört auch die heißblütige Teresa Pansa – eine der Rollen von Nina Sarita Balthasar. Denn wer eben noch Ziegenhirte oder Tänzerin spielte, steht in nächsten Moment als Hochzeitsgast oder Galeerensklave auf der Bühne.

Langeweile kommt jedenfalls nicht auf. Da wird gefochten, gerauft, gesungen und getanzt. Ritter und Knappe fahren mit Motorrollern und ihr Gegenspieler, der Kommissarius der Heiligen Brüderschaft (Maximilian Pekrul) mit dem Segway über die Bühne. Fast bleibt da nicht genügend Zeit, über die Botschaften zu Freiheit, Freundschaft, Liebe oder Macht nachzudenken.

Nachdem Barbier und Priester (Harald Horvárth und Lorris Blazejewski), Quichotes Vertraute, den Ritter in tuntiger Prinzessinenverkleidung nach Hause gelockt haben, bleibt eine Erkenntnis: Weder verbrannte Bücher noch Verbote der Obrigkeit können die Fantasie vollends bezwingen.

Kinder finden an der Inszenierung genauso Gefallen wie Erwachsene. Echtes Familientheater also. Mit Jubel und minutenlangem Applaus honoriert das Publikum die Leistung der Akteure; die revanchieren sich mit einer gesungenen und getanzten Zugabe.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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