Helen Schneider und das Stuttgart Jazz Orchester auf einer Zeitreise in der Stiftsruine

Ein Bummel am Sunset

Bad Hersfeld. Die Stiftsruine ist fast schon Helen Schneiders Wohnzimmer. Und für die Hersfelder gehört die amerikanische Sängerin längst zur Familie. „Everybody loves my Baby“ – ein wenig beschreibt der alte Spencer-Davis-Klassiker, mit dem Helen Schneider ihr Konzert in der Stiftsruine eröffnet, daher auch ihre eigene, ganz besondere Liebesbeziehung mit Bad Hersfeld.

Das Publikum verehrt diese zarte Künstlerin, die binnen Sekunden vom kichernden Mädchen zur kapriziösen Diva wechseln kann. Mit schwarzem Jumpsuit, einem Kimono-artigen Seidenmantel und atemberaubend hohen Schuhen ist sie aber vor allem in jedem Moment durch und durch eine Lady – mit einer fantastischen Stimme.

Voller Erotik

An diesem Abend entführt sie das Publikum auf eine Zeitreise durch Amerika, in eine Welt, die wir kannten – „The World we knew“. Und diese Welt liegt vielleicht am neon-hellen Sunset-Boulevard: schwül-heiß, voller Jazz, Swing und Blues – und voller Erotik.

„Ich habe ein charmantes Leben. Ich bin glücklich und dankbar für alles“

Helen Schneider

Helen Schneider, die nach ihren umjubelten Auftritten als „Evita“ in diesem Jahr in der Rolle der Norma Desmond in Andrew Lloyd Webbers Musical „Sunset Boulevard“ auf der Festspielbühne steht, eröffnet die Ruinensaison wie schon im Vorjahr mit einem besonderen Konzert. „Es ist wunderbar, wieder dazuzugehören“, zitiert Helen Schneider einen Satz von Norma Desmond aus dem Musical. Gemeinsam mit ihrem vier-köpfigen Stammorchester – Mini Schulz (Bass), Obi Jenne (Schlagzeug), Jo Ambross (Gitarre) und Olaf Polziehn (Piano) – bestreitet sie den ersten Part der Show – ein eingespieltes Team voller Spaß an der Musik.

Helen Schneider Konzert in der Stiftsruine

Im zweiten Teil, nach einer Pause, in der Intendant Holk Freytag das Festspielensemble vorstellt, wird das Quartett dann verstärkt von dem grandios aufspielenden Stuttgart Jazz Orchester – ein einmaliges Konzert mit diesem Zusammenschluss der besten Musiker Stuttgarts, die die ganze Bandbreite des Jazz in sich vereinen.

Unterbrochen werden die einzelnen Songs von kleinen Geschichten, im charmanten „d-englisch“ vorgetragene Erinnerungen. Immer wieder kokettiert Helen Schneider mit Alter und Jugend. „Ich habe ein charmantes Leben, ich bin glücklich und dankbar für alles“, sagt sie und erzählt radebrechend von ihrer Mutter, die ihre Liebe zur Musik geweckt hat, zu Duke Ellington, Billy Strayhorn, Cole Porter. „Anyway – dann kam dieser Wind vorbei“ – Helen war damals 15 Jahre alt – und der „blöde Vietnam-Krieg“ und Woodstock verändern die USA.

Manches bleibt ungehört

Anders als vor einem Jahr konzentriert sich Helen Schneider diesmal auf Jazz-, Big-Band- und Swing-Klassiker, dazu ein wenig Bob Dylan und Leonard Cohen. Vergeblich wartet das Publikum auf eine Reminiszenz an ihre umjubelte „Evita“, und auch die rockigen Klassiker aus ihrer Anfangszeit als „Rock’n’Roll-Gypsy“ bleiben ungehört. Das Publikum scheint trotzdem zufrieden, obwohl dann einige doch schon vor der Zugabe zum Ausgang streben.

So verpassen sie den alten Anti-Kriegs-Song von den Mamas and the Papas „Dream a little Dream“, der manchen Soldaten die Hölle von Vietnam für einen Moment vergessen ließ.

Doch an diesem Abend träumen ohnehin alle von Helen.

  Am Sonntag, 31. Juli, steht Helen Schneider mit dem Stuttgart Jazz Orchester noch einmal auf der Bühne der Stiftsruine. Die Premiere des Musicals Sunset Boulevard findet am 21. Juni statt.

Von Kai A. Struthoff

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