64. Bad Hersfelder Festspiele: Gefäßchirurg Wilhelm Sandmann wird zum Grafen

Vom OP auf die Bühne

Zwischen Konrad Zuse und Konrad Duden fühlt sich Prof. Dr. Wilhelm Sandmann wohl. Der Gefäßchirurg steht bei den Festspielen in „Maria Stuart“ als Graf von Kent zum ersten Mal auf einer Theaterbühne. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Mit seinen 71 Jahren hat Prof. Dr. Wilhelm Sandmann geschätzte 50 000 Mal am OP-Tisch gestanden, jetzt hat der Gefäßchirurg eine neue Passion entdeckt, in der er sich weiterentwickeln möchte: die Schauspielerei. Bei den Bad Hersfelder Festspielen steht Sandmann derzeit als Graf von Kent in „Maria Stuart“ auf der großen Bühne der Stiftsruine – und das, ohne überhaupt schon mal auf irgendeiner Bühne gespielt zu haben.

Möglich gemacht hat das Intendant Holk Freytag, der Sandmann vor einigen Jahren als Patient kennengelernt hat. Die beiden kamen sich näher, und „ich habe so lange gebettelt, bis er ja gesagt hat“, berichtet der Chirurg schmunzelnd. Nervös sei er vor seinem ersten Auftritt nicht gewesen. Im Gegenteil: „Das macht mir Freude“, erklärt der 71-Jährige. „Das ist einfach eine unglaubliche Atmosphäre hier“, lobt Sandmann das Verhältnis aller Mitwirkenden untereinander. „Man wird richtig süchtig.“ Dabei ist der Ausflug in die Welt des Theaters für Sandmann nicht einfach nur ein netter Ausbruch aus dem Chirurgenleben. Der 71-Jährige, der immer noch fast jeden Tag am OP-Tisch steht, will sich nun „richtig reinknien“ und Schauspielunterricht nehmen. „Ich würde gerne mehr Verantwortung übernehmen und bin bereit, weiter zu lernen“, sagt der Mediziner über seine beginnende Theaterkarriere.

„Das wollte ich auch können“

Als Schlüsselerlebnis, das sein Interesse an der Schauspiekunst geweckt hat, beschreibt Sandmann das Treffen am Rande eines Sommerseminars mit einem Schauspieler, der die Teilnehmer in die Möglichkeiten des Spiels und des Ausdrucks einweihte. „Das wollte ich auch können“, zeigt sich der Chirurg beeindruckt.

Der Graf von Kent spielt in „Maria Stuart“ zwar nur eine kleine Nebenrolle, trotzdem hat Sandmann mehr zu tun, als einfach nur dazustehen. Er darf sogar ein paar Sätze sprechen. „Ich muss möglichst ambivalent erscheinen“, erklärt Sandmann seine Rolle. Man wisse nicht so genau, ob er auf der Seite Elisabeths oder Marias stehe. Von seinen Kollegen holt sich der Laie Tipps; es fängt an mit gerade stehen und nach vorn sprechen.

Nur einmal nicht dabei

Nur einen Auftritt als Graf hat Sandmann bisher verpasst, der für jede Aufführung aus Duisburg anreist: An diesem Tag hielt er einen Vortrag bei der Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie. „Ärzte haben mit Menschen jeder Coleur zu tun und müssten sich eigentlich mit vielem auskennen“, meint Sandmann, der sich auch künstlerisch betätigt.

„Ich interessiere mich für viele Dinge neben meinem Beruf“, sagt der 71-Jährige. Erst mit Ende 30 habe er angefangen, Tennis zu spielen, heute spielt der in zweithöchsten Liga für Senioren. Auch in Bad Hersfeld hat er sich dem Tennisclub angeschlossen. „Wie sagt Holk Freytag immer: Es ist nie zu spät, eine glückliche Jugend zu erleben.“

Den Mantel und den Hut für sein Bühnenoutfit hat Sandmann übrigens selbst mitgebracht: „Ich wollte nicht, dass für mich so ein Aufwand betrieben wird“, gibt er sich bescheiden. Der 71-Jährige lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass er jederzeit gerne wieder auf der Bühne der Stiftsruine stehen würde.

Von Nadine Maaz

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