Abschluss der Aktion „Bad Hersfeld liest“: Autor Thomas Brussig erzählt über die Entstehung des Romans

Ein Buch über die Erinnerung

Bad Hersfeld liest ein Buch: Wie es kam, dass die Sonnenallee zwischen West und Ost aufgeteilt wurde, erzählte die Klasse G9b der Gesamtschule Obersberg in der Szene „Churchills kalter Stumpen“. Foto: Landsiedel

Bad Hersfeld. Einmal mehr verging die Zeit – zumindest gefühlt – wie im Flug. Kaum hatte sie begonnen, fand die Aktion „Bad Hersfeld liest ein Buch“ am Donnerstagabend vor großem Publikum in der Stadthalle auch schon ihren krönenden Abschluss. Als „Vorleser“ hatten die Organisatoren um Dr. Thomas Handke und Sandra Rudolph in diesem Jahr den Autor Thomas Brussig höchstpersönlich gewonnen. „Die Aktion profitiert ungemein davon, wenn der Autor kommt“ freute sich denn auch Dr. Handke.

„25 Jahre sind seit der friedlichen Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten vergangen“, stellte der Erste Stadtrat Dr. Rolf Göbel fest. „Heute haben wir die Pflicht, genau hinzuschauen, ob die Versprechen von 1989 auch eingehalten wurden“ forderte Dr. Göbel und gratulierte Brussig zu einem „feinen Buch“.

Regelrecht zerpflückt

Durch den Abend führte Kristina Marth, die seit diesem Jahr nicht nur den Hersfeldern als Nachfolgerin von Hans Hantke bei „Sport und Show“ bekannt ist. Es sei ihr wichtig, nicht nur dem Autor Thomas Brussig, sondern auch den Schülern, die sich intensiv mit dem Roman beschäftigt hätten, eine Bühne zu bieten, betonte sie. „Das Buch wurde nicht nur gelesen, es wurde regelrecht zerpflückt“, zeigte Marth sich beeindruckt.

Zwei Gesprächsrunden boten Thomas Brussig die Gelegenheit, etwas über sich und seinen Roman zu berichten. So erfuhr das Publikum beispielsweise, dass er nach dem Abitur nicht so recht wusste, welchen Weg er einschlagen sollte. Um sich darüber Klarheit zu verschaffen fing er an, über einen 18-Jährigen zu schreiben, der nicht wusste, was er werden wollte. Dabei habe er erkannt, dass Schriftsteller wohl das richtige für ihn sei.

Ständig unglücklich verliebt

Mit Jolina Möller und Emily Nettelbeck hatten auch zwei Jugendliche die Gelegenheit, den Autor zu befragen. Ihnen gegenüber bekannte Brussig, dass er kein Buch darüber schreiben wollte, wie die DDR wirklich gewesen war, sondern darüber, wie sie erinnert wird. So wollte er den Abschnittsbevollmächtigten (ABV) bewusst auch nicht als Schurken, sondern als Würstchen darstellen. „Eduard von Schnitzler und Wolfgang Biermann sollten sich den Film nebeneinander im Kino sitzend anschauen können, ohne sich zu fetzen“, ergänzte er schmunzelnd. Auf die Frage ob die Liebesgeschichte zwischen Miriam und Mischa autobiographische Züge aufweise, bekannte Brussig freimütig, dass er seine Jugend im Zustand der unglücklichen Verliebtheit verbracht habe.

Zwischen den Gesprächsrunden gaben die Schüler einige Spielszenen aus der „Sonnenallee“, so unter anderem „Churchills kalter Stumpen“ oder die berühmt-berüchtigte „ABV-Szene“, welche nicht nur den Autor zum Schmunzeln brachte, zum besten. Thomas Brussig selbst las zwei kurze Passagen aus seinem Buch.

Musik der Wende

Helgo Hahn am Klavier und Marisa Linß, Gesang ließen mit ihrer musikalischen Begleitung („Über sieben Brücken musst Du geh’n“, „Wind of Change“ und „Imagine“) die Atmosphäre der Wendejahre wieder aufleben. Auch die Konrad-Duden-Singers hatten sich mit ihren Liedbeiträgen, darunter „Angie“ von den Rolling Stones ihren Applaus redlich verdient.

Zur abschließenden Signierstunde bildete sich eine lange Schlange – den Autor hat’s sicherlich gefreut.

Von Thomas Landsiedel

Kommentare