HZ-Montagsinterview mit Pfarrer Schiller zur Diskussion um Kirchenreformen

Wir brauchen den Zölibat

Pfarrer Bernhard Schiller im Garten neben der katholischen Kirche Bad Hersfeld. Foto: Broy

Bad Hersfeld. Als Reaktion auf die Austrittswelle aus der katholischen Kirche fordert Kassels Dechant Harald Fischer Reformen. Der Bischof des Bistums Fulda, Heinz Josef Algermissen, hatte sich in unserer Zeitung zunächst hinter die Reformvorschläge gestellt, seine Aussagen aber wieder zurückgenommen. Sonja Broy sprach mit Pfarrer Bernhard Schiller über die Vorstöße aus Kassel.

Herr Schiller, steigt in Ihrer Gemeinde derzeit die Zahl der Kirchenaustritte?

Schiller: Zu meiner Überraschung hatten wir noch keine Explosion an Kirchenaustritten. Die Zahl ist nur leicht gestiegen. Über den Daumen gepeilt verzeichne ich zehn Prozent mehr Austritte als in den vergangenen Jahren. Ich rechne aber noch mit Spätentschiedenen.

Werden Sie in Ihrer Gemeinde von Gläubigen auf die jüngsten Missbrauchsskandale angesprochen?

Schiller: Ja. Einmal im Blick auf die Vorfälle direkt und den bedrückend unzureichenden Umgang der Kirche damit, aber natürlich auch auf die Erschütterung des Vertrauens in die Institution Kirche. Es ist meine Pflicht, sich dieser Situation zu stellen mit der großen Frage: Was will Gott uns damit sagen, wozu will er uns bringen?

Was antworten Sie den Menschen?

Schiller: Ich gebrauche gerne ein Bild aus der Mythologie. Nämlich das des Odysseus, der auf einem Schiff durch die Ablenkung der Sirenen nur einen Weg sieht, an Deck zu bleiben: indem er sich fest an den Schiffsmast binden lässt. Wer sich jetzt nicht an Jesus Christus und dem Kreuz festhält, der muss verstört ins Wanken kommen. Und bei wem die ganze Bindung sowieso nur ein seidener Faden war, bei dem wird sie schnell durchtrennt.

Muss die Kirche sich reformieren?

Schiller: Die Forderung greift zu kurz. Wenn wir dieses oder jenes gleich umwerfen würden, dann wäre der größte Druck genommen. Diese Hoffnung ist nachvollziehbar. Mitten im Sturm sollte man aber keine Entscheidungen treffen, die von großer Tragweite sind. Kirche muss sich immer reformieren, doch Erneuerung ist zunächst Bekehrung seiner selbst.

Ihre Meinung zu den konkreten Vorschlägen von Dechant Fischer: Braucht die Kirche den Zölibat?

Schiller: Ja. Ich habe keine deutlichere Möglichkeit, um zu zeigen, dass ich einen Platz freihalten möchte für Gott in dieser Welt, als den Zölibat. Es ist keine Verachtung des wunderbaren Gutes von Ehe und Sexualität, sondern ein Verzicht aus Liebe. Wir Priester stehen leicht unter Generalverdacht, dass das alles ohnehin nur doppelter Boden sei und die Kompensation gesucht wird. Manche versuchen, die Missbrauchsdebatte kausal damit zu verknüpfen. Wenn der Zölibat gelockert wird, käme es nicht zu diesen verbrecherischen Übergriffen, heißt es. Wer pädophil ist, wird aber, ob verheiratet oder nicht, zu diesen Straftaten neigen. Trotz aller menschlichen Schwächen oder wenig überzeugender Gestaltung: Der Zölibat ist ein Verweis auf den lebendigen Gott.

Diskutiert wird außerdem, Frauen zum Priesteramt zuzulassen. Wie realistisch ist das?

Schiller: Hier sagt eine gewichtige Tradition, dass der Priester als Mann Symbol für Jesus Christus ist. Das wird schnell verstanden als Diskriminierung der Frau, für die Christus zu seiner Zeit sehr viel getan hat. Von daher hätte er auch die Vollmacht gehabt, Frauen in den Abendmahlsaal zu holen und zu Priesterinnen zu weihen. Der Vorgänger des jetzigen Papstes sagte, er sähe sich in absoluter Weise an die kirchliche Tradition gebunden. Das sehe ich als bindend an.

Denken Sie denn , dass Papst Benedikt dieses Thema ebenfalls aufgreifen wird?

Schiller: Ich glaube nicht, dass er über ein Weiheamt nachdenkt. Warum muss die Frau glücklich werden mit demselben Amt? Wäre es nicht die Anregung des heiligen Geistes, möglicherweise neue Ämter in der Kirche zu schaffen, die frauenspezifisch ausgelegt sind? Im Übrigen: Die Kirche wird nicht gerettet durch das Amt. Sondern durch überzeugte, heilige Christen.

Der dritte Diskussionspunkt betrifft die Ökumene und die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion. Sehen Sie hier Handlungsbedarf?

Schiller: Wenn ein in der Seelsorge stehender Priester sagen würde, dies sei für ihn kein Problem, dann hätte er wohl nicht ausreichend Kontakt zu den Menschen. Manche kommen zu mir und sagen: „Herr Pfarrer, die Sünde ist nicht die neue Ehe - mein Fehler war die erste Ehe. Jetzt bin ich glücklich.“ Ökumene ist schließlich keine Geschmacksfrage, sondern Auftrag Jesu Christi. Die Kirche hat immer gesagt, dass wir im Einzelgespräch mit diesen Paaren den Weg suchen müssen.

...und das tun Sie auch?

Schiller: Ja. Wenn Paare von sich aus das Gespräch suchen, ist das für mich schon das Signal, dass diesen Menschen der Glaube wichtig ist. Wenn eine echte Klärung im Gewissen erfolgt und ich sehe, dass diese mit Respekt vor Jesus Christus aus einer wahren Sehnsucht nach ihm im Sakrament kommt, dann ist die Möglichkeit der Zulassung zur Kommunion schon heute gegeben.

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