Boehmers Rundumschlag

Kai A. Struthoff

Hoppla, was war das denn? Unser sonst so kultivierter und feinsinniger Bürgermeister Boehmer schlägt um sich wie ein Rummelboxer und jeder kriegt was hinter die Ohren: Der Stadtmarketingverein, der Stadtverordentenvorsteher, die Opposition und die Mehrheitsfraktion. Der Frust über den merkwürdigen Abgang von Kurdirektorin Silvia Hochkirch muss tief sitzen.

Es ist schon sehr ungewöhnlich, dass Silvia Hochkirch so ohne Vorwarnung ihren Stuhl räumt, die Schlüssel auf den Tisch knallt und nichts hinterlässt außer einem gelöschten E-Mail-Eingang. Kein Wunder, dass Boehmer schockiert war. Doch wer ist Schuld am unrühmlichen Abgang der inzwischen dritten Kurdirektorin?

Für Bürgermeister Boehmer sitzen die Hauptverantwortlichen im Stadtmarketingverein, dem er vorwirft, egoistisch nur den eigenen Vorteil im Auge zu haben. Doch das ist unfair. Natürlich müssen Geschäftsleute darauf achten, dass ihre Geschäfte laufen, denn einer Stadt geht es immer so gut, wie den Menschen, die darin leben.

Ein Gemeinwesen kann nur funktionieren, wenn alle zusammenarbeiten. Boehmer aber hat jetzt dem Stadtmarketingverein den Fehdehandschuh hingeworfen und angekündigt, er werde ab sofort keine Rücksicht mehr nehmen und keine Kompromisse mehr machen. Ob das klug ist? Gewiss, seine Tage als Bürgermeister sind gezählt. Doch Boehmer läuft jetzt Gefahr, die unbestreitbaren Erfolge seiner langen Amtszeit auf den letzten Metern zu beschädigen. Und auf vergiftetem Boden gedeiht für lange Zeit nichts mehr.

Seit Stadtverordnetenvorsteher Dr. Rolf Göbel im Ruhestand ist und über viel Tagesfreizeit verfügt, produziert er eine Idee nach der anderen: Parlamentsverkleinerung, Tourismuswerbung und zuletzt die Aktion „Bad Hersfeld hilft Haiti“. Nicht alle können scheinbar mit dem Tempo des rastlosen Rentners mithalten. Die Kurdirektorin war genervt von Göbels Plänen einer „Stadt der Kaiser und Könige“, die SPD-Fraktion distanziert sich von seinem Vorhaben, das Stadtparlament zu verkleinern, und Bürgermeister Boehmer wurde offenbar von dem Spendenaufruf für Haiti überrumpelt. Trotzdem ist die Hilfsaktion ein großer Erfolg.

Schon über 12 000 Euro wurden für die Erdbebenopfer gespendet – ein anrührender Beweis für herzliche Anteilnahme der Menschen in Stadt und Kreis. Angesichts des schweren Schicksals der Menschen in Haiti fragt man sich schon manchmal verwundert, worüber wir hier eigentlich streiten.

struthoff@hersfelder-zeitung.de

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