Messerattacke unter volltrunkenen Freunden in Bebra war vor Gericht nicht aufzuklären

Bluttat im Wodka-Nebel

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Symbolbild

Bad Hersfeld. Es könnte so gewesen sein: Zwei Männer sind über eine neue Frauenbekanntschaft in Streit geraten, und weil sich die Dame dem Jüngeren zuwandte, hat der Ältere befeuert von reichlich Alkohol zum Messer gegriffen und dem Rivalen einen 15 Zentimeter langen und anderthalb Zentimeter tiefen Schnitt am Kinnwinkel verpasst.

Doch beweisen ließ sich das gestern vor dem Schöffengericht des Amtsgerichts Bad Hersfeld nicht. Denn alle drei Beteiligten hatten am Tattag des 30. August vergangenen Jahres dermaßen viel Alkohol im Blut, dass das Erinnerungsvermögen offenbar beträchtlich getrübt war.

Alcotest-Werte zwischen drei und annähernd viereinhalb Promille hatten ohnehin schon dafür gesorgt, dass die Staatsanwaltschaft in Fulda nicht alleine die gefährliche Körperverletzung angeklagt hatte, sondern einen fahrlässig oder sogar vorsätzlich herbeigeführten Vollrausch – auch der ist eine Straftatbestand.

Täter sollte demnach ein 52 Jahre alter Russlanddeutscher aus Bebra sein, der mit einem befreundeten 30-Jährigen über den Nachmittag hinweg tüchtig Wodka becherte. Dieser konnte oder wollte sich an einen Streit nicht erinnern. Erst im Krankenhaus, heftig blutend und von Ärzten wie Polizisten umringt, sei er zu sich gekommen. Wie er zu der Verletzung am Hals gekommen war – keine Ahnung.

Wirre Aussagen

Aus den zum Teil wirren Aussagen des renitenten Mannes reimten sich die Ermittler am Tatabend einen denkbaren Hergang zusammen. In der Wohnung des 52-Jährigen fanden sich zudem ein paar Blutspuren, allerdings kein passendes Messer.

Hinweise auf das Eifersuchtsmotiv ergaben sich durch die polizeiliche Aussage eines weiteren Russlanddeutschen, der den Streit allerdings auf die Mittagszeit verlegte. Den Nachmittag verschlief der besoffene Zeuge auf dem Sofa und bekam weiter nichts mit.

Weil er sich auch in der Nacht zu gestern die Kante gegeben hatte und nicht vor Gericht erschien, verhängte das Gericht ein Ordnungsgeld von 200 Euro.

Weil jedoch das Opfer gewollt oder ungewollt mauerte, fehlte es Richter Michael Krusche und den beiden Schöffen an weiteren Ansätzen zur Aufklärung. Ohnehin hatte der 30-Jährige die Folgen des Schnittes herabgespielt und gesagt, die Wunde habe „nur ein, zwei Tage beim Rasieren gestört“. Auch gehen er und der mutmaßliche Täter längst wieder freundschaftliche miteinander um.

Nach einem Rechtsgespräch mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung verkündete Richter Krusche die Entscheidung, das Verfahren einzustellen und sagte zur Begründung: „Es war nicht zu klären“.

Von Karl Schönholtz

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