Europolis 2050: SPD-Urgestein Egon Bahr hält die Lage des Staatenbunds für trostlos

Bittere Bilanz für Europa

Wohin führt Europas Weg in Zukunft? SPD-Vordenker Egon Bahr in der Bad Hersfelder Schildehalle. Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Das stolze Alter von fast 90 Jahren forderte dann doch seinen Tribut. Statt am Rednerpult zu stehen, erbat SPD-Urgestein Egon Bahr dann doch einen Stuhl, um sitzend den rund 100 Zuhörern in der Schildehalle im Zuges des Europolis-Rahmenprogramms der Festspiele seine Meinung über die Lage Europas darzulegen – und die sei trostlos.

Zuvor hatte der Theologe Friedrich Schorlemmer den früheren Bundesminister, der als Architekt der Entspannungspolitik und der Ostverträge gilt, vorgestellt. Passend zum parallel stattfindenden WM-Auftaktspiel bezeichnete er Bahr als politischen Feldspieler, der immer fair agiere und wisse, dass in der Diplomatie ein Unentschieden manchmal besser sei als ein Sieg. Eben dies sei das Geheimnis der Friedenspolitik. „Egon Bahr ist der lebende Beweis, das Realpolitik und Moralpolitik nicht auseinanderklaffen müssen“, sagte Schorlemmer. Bahr sei zwar schon 89 Jahre alt, doch messe man ein Lebensalter besser an Geistesgegenwart.

Weltpolitik hautnah

Die bewies der so Gelobte dann, indem er nach eigenem Bekunden das tat, was alte Männer gern tun – alte Geschichten erzählen. Weit zurück, mit in die in die Zeit des kalten Krieges, nahm Egon Bahr die Zuhörer. Er erzählte, wie die Ost- und Entspannungspolitik ausgehandelt wurde, wie die Verständigung darüber lief, das Grenzen nur im gegenseitigen Einvernehmen geändert werden dürfen und er sprach von den Abrüstungsverträgen und dem Mauerfall. Weltpolitik – und Bahr war dabei.

Die derzeitige Lage Europas im Konzert der Weltmächte sieht der Sozialdemokrat allerdings äußerst skeptisch. „Europa hat seine eigene Irrelevanz herbeigeführt“, konstatierte er. Die Europäer hätten es versäumt, sich von den USA zu emanzipieren und nach den eigenen Werten zu leben, die nicht immer mit denen des American Way of Life einhergingen. Europa fehle es an Führung, die 27 Staaten sprächen nicht mit einer Stimme, es gebe keine gemeinsame Nahost-Politik, ebenso wenig wie eine einheitliche Linie im Libyenkonflikt. Den Schuldigen an diesem Dilemma hat Egon Bahr auch ausgemacht: England.

Die Briten unterhielten lieber „Sonderbeziehungen“ zu den USA, als sich an den Kontinent binden zu lassen. „England blockiert Europa“, meint Bahr, deshalb müsse Europa den Mut aufbringen, allein und ohne England auf seinem Weg voranzuschreiten.

Integration fortsetzen

Trotz dieser düsteren Bestandsaufnahme appellierte Egon Bahr an die Europäer „die Integration fortzusetzen“, statt wie jetzt im Falle Griechenlands über die Auflösung der Gemeinschaft zu diskutieren.

In der anschließenden Diskussion sorgte Intendant Holk Freytag für die inhaltliche Verortung des Vortrags im kulturellen Kontext.

„Welche Rolle spielt die Kultur bei der Einigung Europas“, wollte er wissen. Eine ganz entscheidende, machte Egon Bahr klar, denn die Kultur habe die wenigsten Hindernisse. „Lassen sie sich durch die Schwierigkeiten der politischen Krüppel in Europa nicht aufhalten“, rief er den Festspielmachern zu.

Und die wollen nun im Rahmen des Europolis-Projekts gemeinsam mit dem internationalen Jugendforum neue Wege nach Europa suchen. Nach Egon Bahrs bitterer Bilanz ist klar: Neue Wege sind auch dringend notwendig. Diskussion zu Europolis

Von Kai A. Struthoff

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