Festspiel-Saisoneröffnung mit dem Chorverein: „Lied von der Glocke“ als Kantate

Bilderbogen des Lebens

Schillers „Lied von der Glocke“ war das Thema des Festspiel-Eröffnungskonzerts des Chorvereins Bad Hersfeld unter der Leitung von Helgo Hahn mit den Frankfurter Sinfonikern und den Solisten Susanne Pemmerl (Sopran), Kaja Plessing (Alt), Steffen Schantz (Tenor) und Rolf Scheider (Bass). Fotos: Sennewald

Bad Hersfeld. Das Lächeln auf den Gesichtern vieler Sänger und Musiker deutete am Ende des zweieinhalbstündigen Konzerts wohl auf beides: Die Freude über das gelungene Werk – Friedrich Schillers „Lied von der Glocke“ in der Vertonung Andreas Rombergs (1767-1821) – und die leise Genugtuung darüber, dass man es schon mit gehaltvollerer Musik zu tun hatte. Oder hat, wie im Advent 2014 mit Händels „Messias“-Oratorium.

Hier aber, am Sonntag in der voll besetzten Stadthalle und exakt am 247. Geburtstag des Komponisten, prägte sich vor allem Schillers gleichnishafte Verknüpfung des Glockengießer-Handwerks mit der Bewältigung des menschlichen Lebensschicksals ein. Zumal wenn ein Rezitator wie Julian Weigend das Gedicht vorträgt – mit schillerndem, hoch verdichtetem, dann wieder ganz entspanntem Sprechduktus, mit einer Stimme voller Gewalt und Leidenschaft, Zartheit und viel Gefühl für dramatische Nuancen.

Die mehr als einhundert Beteiligten haben alle reichlich zu tun in diesem tönenden Bilderbogen des Lebens, ob Vokalsolisten, Chor oder Orchester. Haben vor allem dafür zu sorgen, dass die ungeheure Textmasse sich gut verteilt und nicht ins Leere läuft, dass sie ins Relief getrieben wird und nicht verflacht.

Große Prägnanz

Susanne Pemmerl (Sopran), Kaja Plessing (Alt), Steffen Schantz (Tenor) und Rolf Scheider (Bass) formieren sich zu einem Solistenquartett von großer Prägnanz, bei den beiden Herren gar Durchschlagskraft. Ihre zumeist schlichte Melodik wissen alle vier arios geschickt zu verbrämen. Der Chorverein Bad Hersfeld ist wieder einmal für kaum Bekanntes zur Stelle mit Einsatzbereitschaft, ja Identifikationskraft und mit wohl klingender Einmütigkeit – ganz wie das Spektrum eines Glockentons. Natürlich sind die Frankfurter Sinfoniker mit bloßer Harmoniegrundierung und Impulsgabe unterfordert, warten darüber hinaus aber mit gefälligem Figurenspiel auf.

Das konnten sie vor der Konzertpause in Mozarts himmlischem Klarinettenkonzert A-Dur KV 622 noch viel ausführlicher anbringen. Und der Solist belehrte eventuelle Bedenkenträger gleichermaßen eines Besseren: Noch keine 20 ist der Hersfelder Christian Winter, studiert bei Manfred Hadaschik an der Kasseler Musikakademie und bläst die Klarinette mit jugendlicher Freude am Spielerisch-Virtuosen, an Laufpassagen und Arpeggi, entwickelt im filmmusikalisch beliebten Adagio (wer denkt nicht an „Jenseits von Afrika“ mit dem Liebespaar Redford/Streep) fast einen kunstvollen Naturlaut. An klanglicher Reife und innerer Ruhe wäre noch zu arbeiten.

Mit einer Dankadresse vor dem Publikum bedachte Festspielintendant Holk Freytag den Dirigenten Helgo Hahn. Der war nicht nur ein gewohnt zuverlässiger und umsichtiger, zügiger, aber diskreter Lenker der Massen, sondern passte sich mit der Werkwahl auch perfekt ein ins aktuelle Festspielmotto „Von Menschen und Mächten“. Ausgiebiger Beifall, jede Menge Blumen und, wie gesagt, das Lächeln.

Von Siegfried Weyh

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