Verdis „Nabucco“ war in der Bad Hersfelder Stiftsruine ein Premierenerfolg

Beten hilft, Singen befreit

Eindringlich: Sylvia Bleimund (Abigail, knieend im schwarzen Kleid) und Krzysztof Chalimoniuk (Nabucco, links). Foto: Hartmann

Bad hersfeld. „Nabucco“, Giuseppe Verdis 1842 uraufgeführtes dramma lirico (siehe Hintergrund), in der Stiftsruine: Diese Vorgabe garantierte am Mittwoch der ersten, ausverkauften und von einem Regenschauer nur leicht beeinträchtigten Opernpremiere 2010 ein Gutteil des Gelingens. Dass es ein voller, nach zweieinviertel Stunden lautstark bejubelter Erfolg wurde, war der zündenden Musik und ihrer entsprechend animierenden Darbietung zu verdanken.

Bewegte Massen

Und den im doppelten Sinn bewegten Menschenmassen der Priester, Herrscher, Soldaten, des Volks. Bewegt von einer geradezu musikalisch wogenden Personenführung mit fantasievoll-dynamischer Raumaufteilung. Und bewegt von einer bis in jede Einzelgeste „sprechenden“ Kollektivaktion. So muss diese radikal offene Riesenbühne „bestückt“ und beherrscht werden. Regisseur Rainer Wenke erweist sich darin als sensibler Meister, der staunend schauen lässt, was alles der hier so passende Begriff „Choreographie“ des griechisch-antiken Theaters umfasst.

Der Festspielchor, ein wohl 80-köpfiges Auswahlkollektiv, eine in Gestalt, Kostüm (Ute Krajewski), Mimik und Gestik hoch differenzierte Ansammlung von Individuen, wird zum Hauptträger des Geschehens um die babylonische Gefangenschaft und Befreiung des Volkes Israel – stumm schreitend, kniend, aufbegehrend, betend, flehend, klagend. Und dann singend. Zu spüren ist da, wie Singen befreit und dem Sänger selbst eine äußere und innere Statur gibt. Und zu begreifen, welche gewaltige Symbolik den berühmten Gefangenenchor „Fliegt, Gedanken, auf goldenen Flügeln!“ bis heute umgibt. Als Bildakzent genügen vier Gitterwände mit aufgesteckten Lanzen.

Gesungen wird auch solistisch durchweg rollenadäquat. Im Fall der bösen Babylonierin Abigail gar triumphal. Sylvia Bleimund (Hannover), letztjährige Opernpreisträgerin, bezwingt in dieser monströsen Partie durch die vokale Grandeur ihres hochentflammbaren Soprans. Ihre Rivalin Fenena wertet die Südtirolerin Marlene Lichtenberg durch starke Bühnenpräsenz und eine expressiv-geschmeidige Mezzofarbe merklich auf.

Byoung Nam Hwang ist ein tenoral glänzender und effektvoller Hebräer Ismael, Dariusz Niemirowicz ein nobler Hoherpriester Zacharias mit reichem Bassfundament, und Krzysztof Chalimoniuk gibt der nicht überdimensionierten Titelpartie mit ihren Charakterbrüchen baritonale Markanz. Amber Opheim, Florian Kresser und Tomasz Potkowski ergänzen das vorzügliche Ensemble.

Fast mehr noch als eine Sängeroper ist „Nabucco“ eine des Orchesters. Unter dieser Maßgabe führt Prof. Siegfried Heinrich die groß besetzten Virtuosi Brunenses zu eindringlicher Spannkraft, subtiler Durchzeichnung und instrumentaler Beredsamkeit.

Ballettschulen

Nicht vergessen werden sollen die stummen, doch umso feiner geordneten Formationen der Bad Hersfelder Ballettschulen Birgitt Fründ und Michèle Meckbach, unter denen besonders die weiblich dominierte babylonische Palastgarde auffiel. (Weitere Vorstellungen an den ungeradzahligen Tagen bis zum 25. August, jeweils 20.30 Uhr.

Von Siegfried Weyh

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