325 Jahre Bach: Johannes Kleinjung und die Hersfelder Kantorei musizierten

Das Beste zum Geburtstag

Kantor Johannes Kleinjung (links) im Bild dirigierte ein großes Ensemble in der Bad Hersfelder Stadtkirche. Foto: Gudrun Schmidl

Bad Hersfeld. Mit einem musikalischen Gottesdienst feierten Johannes Kleinjung und die Kantorei von Bad Hersfeld am Sonntag den 325. Geburtstag von Johann Sebastian Bach. Der bekannte Komponist wurde am 21. März 1685 geboren. Das Höchste und das Schlichteste kommen zusammen, der Lobpreis Gottes und die Musik als dessen Dienerin. So hat in der Tradition des Leipziger Thomaskantors auch der Bad Hersfelder Stadtkirchenkantor sein Amt aufgefasst. Und ebenso wird er - da sind wir gewiss - am neuen Dienstort, der Weimarer Stadtpfarrkirche St. Peter und Paul, der „Herderkirche“, zu Werke gehen.

Richtet sich doch das Kantorenamt überhaupt auf eine permanente Werkstatt, doch eben mit dem lebendigen „Werkstoff“ aufgeschlossener, talentierter, einsatzfreudiger, ja hingebungsvoller Menschen.

Blicke in Bachs eigene Werkstatt durften die Konzertbesucher in der zu drei Vierteln besetzten Stadtkirche obendrein werfen. Die Messe A-Dur BWV 234 erwies sich zusammen mit ihren drei Schwestern BWV 233, 235, 236 als reine Gottesdienstmusik - im Gegensatz zur „Über-Mutter“, der geistig und musikalisch ungleich tiefer lotenden Messe h-Moll BWV 232. Und ihr Material ist so genannte Parodie, nämlich zwar Bach-eigene, doch von ihm umgearbeitete, weiterverwendete, mit neuem Text des Kyrie und Gloria versehene Musik.

Passt zur Passion

Die des „Gloria in excelsis Deo“ etwa entnahm er der nachösterlichen Kantate „Halt im Gedächtnis Jesum Christ“ BWV 67, die des „Quoniam tu solus sanctus“ (Alt-Arie) der Reformationskantate „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ BWV 79, die des abschließenden Chorsatzes „Cum sanctu spiritu“ der Kantate „Erforsche mich, Gott, und erfahre mein Herz“ BWV 136 (zum 8. Sonntag nach Trinitatis).

Total original dagegen und passend zur Passionszeit die folgende Kantate „Sehet, wir geh’n hinauf gen Jerusalem“ BWV 159 zum Sonntag Estomihi - mit einem Dialog zwischen Jesus und der personifizierten gläubigen Seele am Beginn, mit der von einem herrlichen Oboensolo begleiteten Bass-Arie „Es ist vollbracht“ als Herzstück und der erlesenen, wie in den großen Passionsvertonungen ausharmonisierten Choralstrophe „Jesu, deine Passion ist mir lauter Freude“ als Ausklang.

Blicke über die Schulter

Den letzten Blick über des schreibenden Bachs Schulter gewährte der Choral „Christe, du Lamm Gottes“, das Schlussstück der zweiten Fassung der Johannes-Passion von 1725, den der Meister zuvor schon in einer weiteren Passionskantate („Du wahrer Gott und Davids Sohn“ BWV 23) verwendet hatte und der hier aktuell als Agnus-Dei-Satz wieder auf die gottesdienstlich-liturgische Anlage des Konzertprogramms verwies.

Der scheidende Kantor begeisterte die Hersfelder noch einmal mit seiner weiträumig inspirierten, dabei von ruhigem Atem durchströmten, die Details sorgfältig wahrenden Musikauffassung. Ihm folgte die Kantorei mit hellem Stimmenpanorama überaus aufmerksam, aber auch in gewachsener Selbstsicherheit, so die Chorsoprane in der Choralstrophe „Ich will hier bei dir stehen“, die Bach in eine Arie aus BWV 159 hineingeflochten hat. Nur Gutes auch über die Vokalsolisten, die beiden Bayernmädels Monika Lichtenegger mit eher gedeckter Sopranfarbe, doch leicht angesetzten Spitzen und Diana Schmid mit schlanker, feinmotorisch beweglicher Altstimme, dann den in Weimar studierenden Koreaner Joo-Hoon Shin mit lyrisch weichem Tenor und Raimonds Spogis, den Bewährtesten im Quartett, mit reicher Bass-Substanz und edler Deklamation, die den erprobten Liedsänger verrät.

„La visione“, das auf historischen Instrumenten agierende Barockorchester, nutzte wieder einmal unaufdringlich-untadelig und gestenreich sein musikalisches Mitspracherecht in Bad Hersfeld. An den Solopulten: Konzertmeisterin Isabel Schau (Violine), Liana Ehlich und Renate Sudhaus (Traversflöte) sowie Antje Thierbach (Oboe). Langer Beifall am Ende der Konzertstunde.

Von Siegfried Weyh

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