Montagsinterview mit dem wiedergewählten DGB-Bezirkschef Stefan Körzell

„Beruf bleibt mein Hobby“

Sein Beruf ist auch seine Berufung: Der wiedergewählte DGB-Bezirksvorsitzende für Hessen und Thüringen, Stefan Körzell, steht kurz vor dem Wechsel in den Bundesvorstand des Gewerkschaftsbundes. Foto: Struthoff

Herr Körzell, Glückwunsch zur Wiederwahl! Trotzdem werden Sie uns nicht mehr lange erhalten bleiben, sondern nach Berlin wechseln. Werden Ihnen Hessen und Thüringen zu klein?

Stefan Körzell: Nein, ich habe hier immer gern gearbeitet und keinen Tag der vergangenen zwölf Jahre im Bezirk Hessen-Thüringen bereut. Den Wechsel nach Berlin habe ich mir reiflich überlegt und hoffe auf die Zustimmung der Delegierten. Ich weiß natürlich, dass manches in Berlin schwieriger wird. Aber an meinem Grundsatz, dass ich als Gewerkschafter mein Hobby zum Beruf gemacht habe, ändert das nichts.

Die Kollegen von Verdi versuchen seit Monaten, Amazon mit Streiks an den Verhandlungstisch zu zwingen - ohne Erfolg. Ist die Gewerkschaft ein zahnloser Tiger, zumindest wenn es um multinationale Konzerne geht?

Körzell: Nein, bestimmt nicht. Aber natürlich müssen auch noch die anderen Amazon-Standorte einen gewissen Organisationsgrad erreichen und arbeitskampffähig werden. Dann sieht das für Amazon schon ganz anders aus. Ein amerikanischer Konzern muss sich in Bad Hersfeld an die Gesetze halten. Das ist in den USA auch nicht anders. Diese Ansicht wird auch irgendwann bei Amazon reifen.

Inzwischen solidarisieren sich Kollegen mit Amazon und werfen Verdi vor, die Arbeitsplätze hier zu gefährden. Zu Recht?

Körzell: Nein, natürlich nicht! Trotzdem verwundert mich diese Aktion: Ich habe noch nie erlebt, dass Menschen dafür unterschreiben, weniger zu verdienen. Aber natürlich können auch die, die sich nicht zu einem Tarifvertrag bekennen wollen, Unterschriften sammeln. Sie müssen dann aber auch bereit sein, später für weniger Geld zu arbeiten, wenn es einen besser bezahlten Tarifvertrag gibt. Wer jetzt nicht mitkämpft, der bekommt dann eben später auch kein Weihnachts- oder Urlaubsgeld und auch nicht den tariflich ausgehandelten Lohn.

Das schafft doch wieder eine Zwei-Klassengesellschaft?

Körzell: Tarifverträge gelten arbeitsrechtlich betrachtet nur für Gewerkschaftsmitglieder. Übrigens macht der Tarifvertrag für den Einzel- und Versandhandel für jeden Beschäftigten am Ende des Berufslebens im Schnitt etwa 100 Euro Rente mehr aus. Jetzt werden also auch Entscheidungen für den Lebensabend getroffen.

Sie haben die Einführung des Mindestlohns gefeiert. Was aber sagen Sie den kleineren Betrieben, gerade hier in der Region, die sich diesen Mindestlohn nicht leisten können?

Körzell: Der Mindestlohn ist eine Anstandsgrenze. Weniger sollte niemand verdienen. Außerdem gilt: Wenn die Menschen mehr verdienen, können sie auch mehr umsetzen. Sie schaffen damit auch mehr Arbeit für das Handwerk und die Dienstleister. Insofern sind Ängste vor dem Mindestlohn unbegründet.

Wenn die Politik Mindestlöhne festsetzt, macht das die Tarifparteien, also auch die Gewerkschaften, überflüssig?

Körzell: Eben nicht: Tarifverträge, etwa in der Metall- oder Elektroindustrie, liegen in der Regel über den Mindestlöhnen. Aber gerade im Dienstleistungsgewerbe wirken die Mindestlöhne als Bremse nach unten. Die Drohung mit der Abwanderung ins Ausland greift dort ohnehin nicht, denn Haare werden hier geschnitten, und Gebäude werden hier bewacht.

Aber Kunstfasern können in Asien gefertigt werden, deshalb verhandelt Performance Fibers über Haustarife, um die Arbeitsplätze hier zu erhalten. Was halten Sie davon?

Körzell: Bei Performance Fibers sind nicht die hohen Löhne, sondern die hohen Energiekosten das Problem. Diese Debatte müssen wir führen anstatt zu behaupten, dass die Löhne an allem schuld sind. Das Unternehmen bewegt sich seit Jahren in einem hart umkämpften Markt, aber ich vertraue auf das Verhandlungsgeschick der IG BCE, - dass das Unternehmen eine Zukunft in Bad Hersfeld hat.

Sie selbst haben bei den Rotenburger Metallwerken, jetzt Tecfor, gelernt. Auch dort kriselt es. Wir erhalten kaum Informationen, was wissen Sie?

Körzell: Ich höre auch nur ab und an etwas von früheren Kollegen. Das Unternehmen hat sich auf einen Zweig in der Automobilindustrie spezialisiert und spürt jetzt die europäische Krise, die nicht nur bei Opel, sondern eben auch bei Zulieferern wie den Rotenburger Metallwerken, an denen ich immer noch hänge, durchschlägt.

Dauerthema in der Region ist K+S. Gegen die Pläne einer Pipeline an die Oberweser laufen die Menschen dort Sturm. Es werden Arbeitsplätze gegen Umweltschutz ausgespielt. Sehen Sie eine Lösung?

Körzell: Es gibt dafür zumindest eine Grundlage: Die Nordsee-Pipeline, die auch der Runde Tisch vorgeschlagen hat. Wenn sich aber Niedersachsen weiter weigert, eine solche Pipeline zuzulassen, dann müssen andere Lösungen entwickelt werden. Eine Leitung an die Oberweser ist dann im Moment das Machbare, auch das Finanzierbare. Trotzdem hoffe ich, dass wir doch noch eine lange Leitung hinbekommen - denn damit würden wir allen Interessen gerecht werden. Ich bin immer noch guter Dinge, dass sich diese Einsicht auch noch in Niedersachsen durchsetzen wird.

Von Kai A. Struthoff

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