Ich bin ein Berliner – und ein Philippsthaler

Kai A. Struthoff

Als ich im September 1963 im amerikanischen Sektor von West-Berlin geboren wurde, da teilte die Mauer seit zwei Jahren meine Heimatstadt. Im Sommer war John F. Kennedy in Berlin und machte den Bürgern mit jenen legendären Worten: „Ich bin ein Berliner“ Mut zum Durchhalten. Das Kennedy-Zitat stand auch auf meiner Geburtsanzeige.

Ich habe gern in West-Berlin gelebt. Die Teilung war lästig, aber ich kannte es nicht anders. Die politische Komponente, der Wahnsinn, ein Land einfach zu teilen, das Unrechtsregime der DDR, waren mir als Kind gar nicht bewusst.

Berlin aber war riesig, voller Licht und Leben, da stieß man nur selten an die Mauer – obwohl wir ganz in der Nähe wohnten. Abends hörten meine Eltern und ich manchmal Schüsse von der Grenze herüberschallen, und am nächsten Tag meldete der RIAS – „eine freie Stimme der freien Welt“ – dass wieder ein Mensch auf dem Weg in die Freiheit sein Leben lassen musste.

Natürlich nervte uns West-Berliner die Mauer auch dann, wenn wir in den Westen wollten. Mindestens 180 Kilometer holprige Transitstrecke, überall Blitzer und Schikanen. Der Korridor nach Herleshausen war noch länger und schlechter. Immer wenn wir in die Ferien fuhren, wurde besonders langsam abgefertigt. Das sächsische „Gänsefleisch mal den Gofferraum uffmachen“, ist Berlinern fast so vertraut wie das Kennedy-Zitat. Aber auch daran hatten wir uns gewöhnt und lebten nicht schlecht mit Senatsreserven, Berlin-Zulage und hoch subventionierter Wirtschaft.

Nur manchmal, wenn russische Kampfflugzeuge mal wieder direkt über West-Berlin durch die Schallmauer brachen, oder bei der Fahrt durch die düsteren, abgesperrten Ost-Berliner U-Bahnhöfe mit ihren Kontrollposten war die Bedrohung unserer Frontstadt spürbar. Aber das aufregende Leben im liberalen Berlin machte das wett.

Ich bin ehrlich: Mit dem Mauerfall habe ich nicht gerechnet. Als Ronald Reagan vorm Brandenburger Tor forderte: „Mr. Gorbatschow, open this Gate“ habe ich herzlich gelacht – es erschien so unmöglich. Der 9. November hat mich deshalb genauso überrascht, wie so viele andere. Aber gerade deshalb waren diese Tage vor 25 Jahren die schönsten, freudigsten und aufregendsten in meinem ganzen Leben. Nie werde ich vergessen, wie ich vor dem Brandenburger Tor auf der Mauer stand. Noch heute übermannt mich die Rührung, wenn ich die alten Bilder sehe.

Es ist wichtig, die Erinnerung an die schmerzliche Zeit der Teilung wach zu halten – gerade jetzt, wo in Süd-Europa neue „Mauern“ errichtet werden, um Menschen von dem Weg in die Freiheit und ein besseres Leben abzuhalten. Und wie unser Bundespräsident Joachim Gauck frage ich mich, ob die Linke, die in Thüringen jetzt den Ministerpräsidenten stellen will, wirklich schon weit genug ist, um ihr voll vertrauen zu können.

Gerade war ich zwei Tage mit Schülern der Geistalschule auf Point Alpha, die dort an einem Zeitzeugen-Projekt zum 9. November teilgenommen haben. Was wir dort erlebt haben, lesen Sie demnächst in unserer Zeitung. Natürlich bin ich auch am Sonntag mit meiner Familie in Philippsthal beim Fest zum Mauerfall. Auch die Werra-Region hat unter der Teilung gelitten und diese vielleicht sogar schmerzlicher empfunden als wir Berliner in unserer glitzernden Metropole.

Deshalb werden auch hier viele von Ihnen meine Emotionen zu diesem Datum verstehen und teilen. Am Sonntag heißt es jedenfalls für mich: „Ich bin ein Philippsthaler!“

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