Theaterstück „Die Haarmann-Protokolle“ im Bad Hersfelder Grebekeller

Beklemmende Begutachtung

Kultur im Keller: Viola Neumann als Massenmörder Fritz Haarmann und Claus-Peter Rathjen als Prof. Dr. Ernst Schultze. Foto: Apel

Bad Hersfeld. So könnte es gewesen sein. Ein Mann im Keller. Eingelocht. Ihm gegenüber an einem langen Tisch ein Psychiater mit einem Bündel Akten, der zur Schuldfähigkeit des psychisch abnormen Serientäters Stellung nehmen soll und dessen Gutachten mitentscheiden wird über Leben oder Tod.

Schwere Kost hatten sich die einigermaßen gemütlich an kleinen, runden Tischen sitzenden, mit Getränken versorgten Besucher des ausverkauften Grebe-Kellers aufgeladen. Alle Blicke richten sich auf eine Uhr. Dann leuchtet grelles, weißes Licht auf Fritz Haarmann, den 45-jährigen Eisenbahnersohn, der auf den Tag genau vor 134 Jahren geboren und 1924 vom Schwurgericht Hannover wegen Mordes an mindestens 24 Jungen im Alter von 10 bis 22 Jahren zum Tode verurteilt wurde. Viola Neumann spielt ihn, mit hagerem Gesicht, gescheiteltem, strähnig anliegendem Haar. Unsicher schaut er sich um. Die Uhr tickt. Es ist mucksmäuschenstill.

Professor Dr. Ernst Schultze von der Göttinger Psychiatrie, klar konturiert von Claus-Peter Rathjen, blättert in den Akten. Akribisch, aber doch eher arrogant, fragt er Haarmann nach dem Vater („Den mochte ich nicht leiden!“), der Mutter, der Schule („Da sagten sie Hosenscheißer zu mir!“), der Unteroffiziersschule, der Heilanstalt in Hildesheim, wo man Haarmann unheilbaren Schwachsinn attestierte. Aber Schultze fragt auch nach den zehn Geboten und erhält zur Antwort: „Wenn man einen totmacht, wird man auch totgemacht. Das ist ganz richtig so. Aber wenn wir tot sind, haben wir es gut.“ Nach einer ersten kurzen Pause – die von Horst Engler nach den „Original-Haarmann-Protokollen“ inszenierte, gleichnamige „No-Budget-Produktion“ ist in acht Teile zerlegt und wird immer wieder von eher düsterer Musik unterbrochen – geht es um Haarmanns bevorzugte sexuelle Praktiken und darum, wie er seine „Puppenjungs“ umgebracht hat. Immer schärfer, immer expressiver zeichnet Viola Neumann das widersprüchliche Täterprofil. Mal leise, mal anrührend lustig, mal schreiend laut.

Auf jeden Fall so eindringlich, dass der Gutachter seine professorale Zurückhaltung irgendwann aufgibt. Im finalen Teil wird verlesen, wie die Stunden vor der Hinrichtung verliefen. Die Uhr, seine Lebensuhr, wird angehalten. Das bekannte Haarmann-Lied löst die Anspannung des Publikums auf, die beiden Protagonisten werden mit langanhaltendem, verdientem Beifall verabschiedet.

Von Wilfried Apel

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