Senay Duzcu begeisterte mit Ethno-Standup-Comedy

Bauchtanz mit Angela

Kabarettistisch und musikalisch spannend: Senay Duzcu ließ sich bei einer auf ADHS umgedichteten Version des Hits „YMCA“ von Christopher Seban von den „Durchgebrannten Pürierstäben“ unterstützen. Foto: nh

Bad Hersfeld. „Wahnsinn, was ihr für schöne Kinder habt. Wir müssen gut zu ihnen sein“, rief Senay Duzcu am Samstagabend zur Begrüßung von der Bühne der Stadthalle. Mit einem kleinen Feuerwerk aus Tanz, Akrobatik und Slapstick hatten die „Lollipops“, „Die durchgebrannten Pürierstäbe“ und die „Paint Points“ von der Stadtjugendpflege der türkischstämmigen Kabarettistin den Bühnenboden bereitet. Die Jugend lag ihr am Herzen: sie sprach die jungen Künstler immer wieder direkt an und integrierte sie ins Programm.

Überhaupt war Temperament das Motto des Abends: Selten stand die redegewandte Frau in Rot still, sie tanzte, ahmte Dialekte und Akzente nach und bewies beim mit Inbrunst vorgetragenen türkischen „Oh, Tannenbaum“, dass sie auch gesanglich in zwei Kulturen gleichermaßen zu Hause ist. Das Publikum machte engagiert mit, von der Türkischstunde mit Tipps für den Gemüseeinkauf am Anfang bis zum versprochenen Zwei-Minuten-Bauchtanzkurs am Ende der Show.

Klischees abgearbeitet

Die kompromisslose Bereitschaft sich selbst aufs Korn zu nehmen, war das zweite große Markenzeichen ihres Programms. Beim Abarbeiten scheinbar aller bestehenden Klischees der beiden Kulturen, in denen die vielseitig begabte Künstlerin aufwuchs, verschwammen schnell die Grenzen zwischen „typisch deutsch“ und „typisch türkisch“.

„Auch ich als Türkin habe Vorurteile. Alle müssen daran arbeiten, Vorurteile abzubauen“. Klare Worte hatte sie auch für das Verhalten aller Radikalen und Extremisten, deren Schwächen sie ebenso treffend beschrieb, wie übellaunige Verkäuferinnen, verschmähte Liebhaber oder Kopftuch tragende Putzteufel. Wie sie den Bogen zwischen banalen Alltäglichkeiten und tiefgründigen Sorgenthemen schlug, grenzte an Akrobatik.

In vielen Momenten zeigte sie auf, dass Fremdenfeindlichkeit eigentlich nur aus fehlender Offenheit und Mangel an Neugier resultiert: Wer andere beobachtet, versteht deren Mentalität, entdeckt Eigenheiten fremder Kulturen oder lernt gar sie zu lieben.

Viele kulturelle und soziale Attribute, die sie in sich vereint, brachte sie in ihrem Programm zum Vorschein: die Türkin mit dem an ADHS grenzendem Temperament genauso wie die Deutsche in ihr, die immer pünktlich Feierabend macht. Die von den Verwandten als allwissend betrachtete studierte Architektin kam ebenso zu Wort wie die Tochter, die „alles darf, nur nicht raus“.

All dies untermalte Senay Duzcu körpersprachlich auf unterhaltsamste Weise und entließ das Publikum mit einer preiswürdigen Parodie Angela Merkels mit „Biokopftuch“, Trenchcoat und „Raute der Macht“ tanzend in die Pause.

Gnadenlos, aber liebevoll gab Duzcu Episoden zum Besten, die die übertriebene türkische Gastfreundschaft und fragwürdige deutsche Unterwürfigkeit des Gastes einander gegenüberstellten.

Mehr als einmal wurde klar: hier ging es viel mehr um menschliche Gemeinsamkeiten, als darum, kulturelle Unterschiede festzustellen. Veranstalter waren das Netzwerk für Integration mit Uli Rathmann und die Stadtjugendpflege mit Edgar Steube. (um)

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