Leidenschaftliches Ringen vor dem Strafrichter um einen missglückten Einbruch

Bart oder nicht Bart ?

Bad Hersfeld. „Wenn ich was gemacht habe, dann habe ich es bisher auch immer zugegeben,“ sagte der Angeklagte, und das war nicht nur dahergeredet. Denn der 24-jährige Hersfelder ist bereits vorbestraft und wird demnächst wegen Körperverletzung ein weiteres Mal vor Gericht stehen. Doch gestern ging es vor dem Strafrichter am Amtsgericht Bad Hersfeld um einen missglückten Einbruchsversuch, und mit dem wollte der junge Mann nun partout nichts zu tun haben.

Tatort war ein abgelegenes Wohngebiet auf dem Obersberg, wo sich in der Nacht zum 21. Februar vergangenen Jahres eine dunkle Gestalt an einer Hauseingangstür zu schaffen machte. Dabei ging der Möchtegern-Einbrecher offenbar so ungeschickt zu Werke, dass die Hausbewohner durch den Lärm erwachten und durch ein geöffnetes Fenster im Obergeschoss nach dem Rechten sahen. Der ertappte Dunkelmann suchte daraufhin flugs über Nachbars Garten das Weite.

„Das isser“ – oder nicht?

Die Identifizierung des vermeintlichen Täters gelang dem Hausherrn dann nach vier Stunden der Beschreibung und des Bildersichtens bei der Polizei. „Zu 80 Prozent“ war der 52-jährige Rentner überzeugt davon, dass es der spätere Angeklagte war, den er nächtens im Schein der durch einen Bewegungsmelder angeknipsten Türleuchte erkannt hatte. Im Gerichtssaal war sich der Zeuge gestern sogar noch sicherer: „Das isser“, sagte er angesichts des 24-Jährigen.

Eine klare Angelegenheit war der Fall trotzdem nicht. Denn zum einen wuchs die Überzeugung des Rentners, je hartnäckiger er von Staatsanwältin Christina Dern beziehungsweise Verteidiger Frank Jansen befragt wurde. Zum anderen hatte sich der Zeuge weiter festgelegt, dass der Einbrecher rasiert gewesen sei, bestenfalls aber einen „Tagesbart“ trug. Das Gesicht des Angeklagten ziert jedoch seit Jahr und Tag ein Bart um Kinn und Mund plus ausrasierte Linien über den Wangen.

Diese und die anderen Unstimmigkeiten sorgten bisweilen für Leidenschaft auf beiden Seiten, die Anwalt Jansen sogar mit dem Gedanken spielen ließ, eine ganze Reihe von Zeugen für die Bartmode seines Mandanten hören zu wollen.

So weit kam es am Ende nicht. Denn auch Richter Dominik Dute hatte zwischenzeitlich laut werden lassen, dass die Beweislage für eine Verurteilung möglicherweise nicht reichen würde.

Salomonische Lösung

Staatsanwältin Dern war es dann vorbehalten, eine salomonische Lösung vorzuschlagen: Das Verfahren wurde im Hinblick auf den bevorstehenden Körperverletzungs-Prozess vorläufig eingestellt, weil die für den Einbruch zu erwartende Strafe da nicht weiter ins Gewicht fallen würde. Sollte es anders kommen, kann jedoch auch über den Einbruch wieder neu verhandelt werden.

Von Karl Schönholtz

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