Glenn Walbaum präsentierte sein satirisches Kästner-Programm in der Sparkasse

Die Banken als Zielscheibe

Ein Wiedersehen nach zwanzig Jahren: Der Göttinger Kabarettist und Musiker Glenn Walbaum präsentierte in der Halle der Sparkassenzentrale in Bad Hersfeld Gedichte und Prosatexte Erich Kästners mit Klavierbegleitung. Foto: z

Bad Hersfeld. Ohne lange Vorrede setzte sich der schwarz gekleidete Künstler an den Flügel, ließ die Melodie der Festspiel-Fanfare erklingen und zitierte Erich Kästners Eisenbahn-Gleichnis: „Der Zug, der durch die Jahre jagt, kommt niemals an sein Ziel...“.

Nach zwanzig Jahren Pause hatte der Göttinger Musiker und Kabarettist Glenn Walbaum wieder einen Auftritt im Festspiel-Rahmenprogramm, und die Kuppelhalle des Sparkassengebäudes an der Dudenstraße war genauso ausverkauft wie früher, als Walbaum hier noch regelmäßig mit Kollege Peter Janssens gemeinsam in die Tasten griff. Walbaums Programm an diesem Samstagnachmittag: Kästners Glossen für Zeitgenossen.

Kapitalismus-Kritik

Es spricht für die kulturelle Offenheit der lokalen Sparkassenleitung, in diesem Fall der Gastgeber gewesen zu sein. Denn der satirische Auto Erich Kästner hat immer wieder Kapitalismus und Finanzwirtschaft aufs Korn genommen, und Walbaum zelebrierte diese Kapitalismuskritik genüsslich, etwa mit dem Hymnus auf die Bankiers: „Sie borgen sich Geld für ein Prozent und leihen es weiter für zehn...Ihr Appetit ist bodenlos, sie fressen Gott und die Welt...Sie machen Gold am Telefon und Petroleum aus Sand.“

Auch die warnende Ansprache an die Milliardäre war im Programm, mit düsteren Bildern von Mord und Revolution. Er lese den Handelsteil der Zeitung, ohne ihn zu verstehen, zitierte Walbaum Kästner und lieferte Beispiele: „Kredit ist Geld, das keiner besitzt, und trotzdem kann man damit verdienen.“

Noch die alten Affen

Auch andere Zielgruppen bekamen ihr Fett weg: Junge Frauen, die für eine Laufsteg-Karriere hungern, Kriegstreiber („Kennst du das Land, wo die Kanonen blüh’n?“) und die Menschheit schlechthin. Zwar sei die Erde mittlerweile ein gebildeter Stern mit sehr viel Wasserspülung, werde aber immer noch von den „alten Affen“ der Vorzeit bewohnt.

Glenn Walbaum trug nicht einfach Kästner-Texte vor, er spielte sie zeitweise regelrecht mit komischem Minenspiel und theatralischer Geste, sang sie zu eigenen Melodien am Flügel oder er nahm, wie bei der „Aphorismus-Show“, die Pose des marktschreierischen Ansagers mit imaginärem Mikrofon ein.

Lebensweisheiten, in einem pointierten Vers zusammengefasst, hat Erich Kästner zur Genüge hinterlassen. Walbaum präsentierte eine Auslese, darunter diese Erkenntnis: „Nie darfst du so tief sinken, als von dem Kakao, durch den man dich zieht, auch noch zu trinken.“

Zum Schluss gab’s, nach so viel bissiger (und erstaunlich aktuell wirkender) Kritik noch eine Trostformel auf den Weg: „Vergesst in keinem Falle, auch wenn euch vieles misslingt, die Gescheiten werden nicht alle, so unwahrscheinlich es klingt.“

Als Zugabe intonierte Glenn Walbaum die Ballade von „Anna Luise“, und das begeisterte Publikum sang den Namen als Refrain mit.

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Von Peter Lenz

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