Jubel für Eröffnungspremiere „König Lear“ in der Inszenierung von Holk Freytag

Bahn frei für die Jungen

Lears verzweifelte Trauer um seine tote Tochter Cordelia (Kristin Hölck) spielt Volker Lechtenbrink so eindringlich, dass sein Publikum fast zu Tränen gerührt ist. Fotos (2): Iko Freese/drama-berlin.de

Bad Hersfeld. Es ist Herbst im Königreich Britannien. Davon zeugen die bunten Blätter, die überall auf der Bühne der Stiftsruine liegen. Ansonsten ist die Bühne, bis auf zwei halbrunde Bänke um die großen Pfeiler und eine schlichte Holzempore, leer.

Regisseur Holk Freytag und Bühnenbildnerin Mayke Hegger setzen auf die Wirkung der imposanten Ruine, die eine ideale Kulisse bildet für Shakespeares König Lear, der irgendwann im frühen Mittelalter spielt, auf das Können der Schauspieler, die ihr Publikum an jeden Ort der Welt versetzen könnten und auf die Kraft der Phantasie.

Damit auch das Auge was zu gucken hat, sind die Darsteller in mittelalterlich anmutende, farbenfrohe Kostüme gehüllt, deren Farbgestaltung dem Publikum die Zuordnung erleichtert (Rot: Lear und seine Familie, Violett: Graf von Gloucester und seine Söhne, Grün: Dienstboten) und die von Michaela Barth gestaltet wurden.

Dazu hat Wolfgang Schmidtke eine Musik mit Elementen aus dem Mittelalter und der Renaissance geschrieben, die er gemeinsam mit Pavel Strugalev und Matthias Muche live am Bühnenrand spielte. Weitere musikalische Akzente setzte der Chor.

Tom friert: Julian Weigend mimt den edlen Edgar, der sich hinter der Rolle des verrückten Tom versteckt.

Getragen wird die Inszenierung von der bezwingenden Bühnenpräsenz Volker Lechtenbrinks. Er spielt den König Lear nicht nur, er lebt ihn. Lears Überheblichkeit, seine Launen, seine Wut, seine Verzweiflung, sein fortschreitender Verfall, all das vermittelt Lechtenbrink mit großer Präzision.
Ihm zur Seite steht ein starkes Ensemble: Kaltschnäuzig und rücksichtslos die beiden Töchter Goneril und Regan (Anja Brünglinghaus und Oda Pretzschner), liebevoll und geradlinig die jüngste Tochter Cordelia (Kristin Hölck), aufrichtig und polternd der Graf von Kent (Manfred Stella), zunächst zögerlich und leichtgläubig, dann entschieden für den König eintretend der Graf von Gloucester (Bernd Kuschmann).

Zu den herausragenden Darstellern gehören sicher auch Julian Weigend und Lars Weström, die Gloucesters Söhne, den edlen, aber verstoßenen Edgar, der in die Rolle des verrückten Tom schlüpft, und den intriganten, machtgierigen Edmund spielen. Nicht zuletzt zeigt Annika Martens einen entzückenden, frechen, mitfühlenden und wortgewaltigen Narren.

Holk Freytag hat die Tragödie auf den Generationenkonflikt fokussiert, auf den Umgang der Kinder mit dem Älterwerden der Väter, auf Machtansprüche der Jüngeren und die Erwartung der Alten, respektiert und geliebt zu werden. „Die Jungen kommen, die Alten müssen weg“, sagt zum Beispiel Edmund.

All das hat dem Premierenpublikum offensichtlich gut gefallen. Immer wieder gab es Szenenapplaus und am Schluss minutenlangen Beifall, Getrampel, Bravo-Rufe und stehende Ovationen für das Ensemble.

Von Christine Zacharias

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