Kantor Sebastian Bethge leitet Bachs Johannespassion in der Hersfelder Stadtkirche

Bärenstark und engagiert

Nach den Konzert herrschte zunächst andächtige Stille bevor das bewegte Publikum die Ausführenden in der Bad Hersfelder Stadtkirche mit lang anhaltendem Beifall bedachte. Fotos: Steffen Sennewald

BAD HERSFELD. Als Johann Sebastian Bachs Johannespassion am Sonntag in der evangelischen Stadtkirche erklang, zählte zu den Qualitäten der Aufführung auch dieses Merkmal: Bezirkskantor Sebastian Bethge hatte ein Ensemble gewonnen, das auf historische Aufführungspraxis spezialisiert ist. Es musizierte nämlich das Kasseler Barockorchester „La Visione“ um seine Gründerin und Konzertmeisterin Isabel Schau.

Historische Instrumente geben der Barockmusik nicht nur den adäquaten Klang, einen dunklen Glanz, ein herbes Kolorit. Sie sind auch interessant anzusehen. Schon vor Beginn mochte der eine oder andere unter den 250 Konzertbesuchern ein riesiges Blasinstrument bewundert haben, das in die Höhe ragte: ein „Bassono grosso“, ein barockes Kontrafagott, noch tiefer als ein Fagott.

Bärenstark war denn auch auch das Bassfundament in dem Eröffnungschor „Herr, unser Herrscher“. Drei instrumentale Schichten – Bach-Forscher haben sie als tiefsinniges Symbol der Dreifaltigkeit gedeutet – sind in diesem düster erhabenen Gefüge verwoben: Holzbläser mit schmerzlichen Dissonanzen, Streicher mit einer wogenden Bewegung und pochende Bässe, die hier besonders eindrucksvoll waren, da ein Barock-Fagott ungleich rauer als seine moderne Variante klingt.

Auch danach überzeugte das Orchester „La Visione“ –etwa mit federnder Leichtigkeit in der Sopran-Arie „Ich folge dir gleichfalls mit freudigen Schritten“ oder in der so ausdrucksvollen Alt-Arie „Es ist vollbracht“. Packend umgesetzt wurde darin der Kontrast zwischen dem anrührenden Solo der silbrigen Viola da gamba (hier: Laura Frey) und dem triumphalen Mittelteil „Der Held aus Juda siegt mit Macht“.

Sänger geben ihr Maximum

An Engagement ließ es auch die Hersfelder Kantorei nicht mangeln. Unter der wachen Leitung von Sebastian Bethge gaben die Sänger in den dramatischen Volkschören ihr Maximum. Sorgfältig gestaltet waren die Choräle, sie erklangen nicht starr, sondern frei fließend und mit bedachtsam eingesetzten Akzenten (und reizvollen Verzierungen des Orchesters).

Zentraler Solist einer Passionsaufführung ist der Evangelist: Christian Georg, der auch die Tenor-Arien sang, empfahl sich durch seinen wortdeutlichen Vortrag und seine bewegliche wie substanzreiche Stimme. Gut mit ihm harmonierte Sebastian Kitzinger, der Sänger der Christus-Worte. Sein frischer, viriler Bariton passte überdies zum Charakter des Messias im Johannes-Evangelium, das Jesus weniger als Dulder, sondern als Herrscher darstellt.

Geschmeidig kultiviert sang der Altus Thomas Riede, während Frøya Gildberg einen leuchtenden Sopran beisteuerte. Als weitere Solisten gab es Franz-Peter Huber in den Bass-Arien sowie einige nicht weniger engagierte Chorsänger in kleineren Partien zu hören.

Nachdem der Schlusschoral „Ach Herr, lass dein lieb Engelein“ verklungen war, herrschte Stille in der Stadtkirche. Erst danach bedachte das bewegte Publikum die Ausführenden mit lang anhaltendem Beifall.

Von Georg Pepl

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